Gedanken über die »Letzte Generation« – Letzte Generation besprüht Brandenburger Tor mit Farbe

Gedanken über die »Letzte Generation«

Ich habe die Schnauze voll. Kaum etwas oder jemand erzeugt bei mir so zuverlässig Brechreiz wie die vorgeblich gewaltfreien Protestaktionen der »Letzten Generation«. Schon seit Monaten muss ich immer wieder tief durchatmen, wenn in den Medien über die Klimaproteste dieser Aktivisten der anderen Art berichtet wird. In ihrem Wunsch, die Dringlichkeit von Maßnahmen gegen die Erderwärmung und den drohenden Klimanotstand sichtbar zu machen, greifen sie auf Methoden des zivilen Ungehorsams zurück. So klebt sich die Gefolgschaft der »Letzten Generation« gern mal mit Sekundenkleber an Straßen fest oder wirft Lebensmittel auf Gemälde in Museen. Ganz schön radikal, oder? Und wenig umweltfreundlich. Nun hat die »Letzte Generation« noch eine Schüppe draufgelegt und am Sonntag mithilfe präparierter Feuerlöscher alle sechs Säulen des Brandenburger Tors in Berlin mit orangeroter Farbe besprüht.

Die Aktivisten bezeichnen die Protestaktion als »Teil des sogenannten Wendepunktes«. Eine medienwirksame Aktion, keine Frage. Selbst ich, die ich bislang bewusst vermieden habe, der »Letzten Generation« einen eigenen Artikel zu widmen, kann nun nicht mehr an mich halten und muss meinem Ärger Luft machen. Das zumindest habt ihr gut hinbekommen, liebe Klimakleberkinder! Ansonsten verpasse ich euch für diese Aktion eine Sechs und sage: Thema verfehlt. Ja, ich verstehe eure Angst, eure Verzweiflung, euren Zorn. Es sind dieselben Emotionen, die viele von uns seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts um- und antreiben. Doch das bedeutendste Wahrzeichen Berlins, ein Nationalsymbol Deutschlands, mit Farbe zu beschmieren, ist kein durchdachter Klimaprotest, sondern schlicht Sachbeschädigung.

Die sinnlose Farbattacke ist darüber hinaus auch ein Schlag ins Gesicht Berlins, eine Stadt, die wohl wie kaum eine andere in Europa für Freiheit und Offenheit steht. Doch die Zeit für Debatten und politischen Diskurs scheint vorbei – Vandalismus ist der neue zivile Ungehorsam. So auch der Tenor der Aktivisten selbst in den sozialen Netzwerken. Der Versuch, mit den Anhängern der »Letzten Generation« ins Gespräch zu kommen, ist ähnlich erquickend und ergiebig, wie einen Impfgegner von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen. Da ist es lustiger, mit Anlauf gegen die Wand zu laufen. Monoton werden die ewig gleichen Phrasen gedroschen. Wer nachhakt, die Aktionen wirklich verstehen will, wird verhöhnt, beleidigt oder gleich geblockt. Das ist schließlich viel einfacher, als sich selbst und seine (Un-)Taten zu hinterfragen.

 

Wie radikal darf Klimaprotest sein?

Der Mangel an Gesprächsbereitschaft schockiert mich fast mehr als die Aktionen der »Letzten Generation« selbst. Wohin führt uns dies als Gesellschaft? Wollen wir wirklich (erneut) zulassen, dass eine Minderheit die Mehrheit terrorisiert? Die Klimaaktivisten bezeichnen ihre Protestaktionen als Zeichen zivilen Ungehorsams. Friedlicher Widerstand sieht jedoch anders aus. De facto handelt es sich um gemeinschädliche Sachbeschädigung. Erschreckend: Die »Letzte Generation« hat weitere Aktionen in der Hauptstadt angekündigt. Noch während ich diese Zeilen schreibe, ging und geht es in Berlin rund. Der Berufsverkehr wurde blockiert, Straßen wurden beschädigt, ein Polizist wurde an der Hand verletzt. Und damit wird die zunehmende Gewaltbereitschaft der ach so friedlichen Klimaaktivisten deutlich sichtbar.

Nicht reden, sondern handeln. An und für sich ein gutes Motto. Doch wer andere Menschen verletzt oder deren Verletzung billigend in Kauf nimmt, setzt sich selbst ins Unrecht. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage: Wer Straßen blockiert, blockiert Rettungswege und tötet damit im schlimmsten Falle Menschen.

 

Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Ich unterstütze aus vollem Herzen die Forderung, ab 2030 auf fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas zu verzichten. Es wird höchste Zeit, aus diesem Karus­sell auszusteigen und alternative erneuerbare Energien zu nutzen. Die Pläne der Bundesregierung, erst das Jahr 2045 für eine klimaneutrale Wirtschaft anzupeilen, entsetzen mich ebenso wie jeden anderen denkenden Menschen. Das Jahr 2045 ist weit weg – zu weit weg für die meisten von uns und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu spät für die nachfolgenden Generationen. Vom bis dahin weiter voranschreitenden Artensterben will ich gar nicht erst anfangen … So betrachtet, sind wir alle die »Letzte Generation«.

Protest ist daher richtig und wichtig. Nichtsdestotrotz heiligt der Zweck nicht automatisch die Mittel. Vandalismus und Sachbeschädigung sind in jedem Fall ebenso vehement abzulehnen wie die billigende Inkaufnahme der Gefährdung von Menschenleben. Darüber muss gesprochen werden, diesem Diskurs darf sich auch die »Letzte Generation« nicht verweigern!

 

Gewalt erzeugt Gegengewalt

Die zunehmende Gewaltbereitschaft der »Letzten Generation« wirft die Frage auf, wo diese enden wird. Am Wochenende stellten die Aktivisten klar, dass sie ihren Protest erst beenden werden, wenn die Wende eingeleitet ist. Dabei wissen wir alle, dass die Bundesregierung dem Druck der Klimaaktivisten nicht nachgeben wird. Nicht etwa, weil sie es nicht will. Sondern weil sie es nicht kann. Wir schreiben das Jahr 2023 und ein für alle sozial verträglicher Ausstieg aus fossilen Brennstoffen innerhalb der nächsten nicht einmal sieben Jahre ist schon rein rechnerisch nicht möglich. Hinzu kommt, dass sich die Bundesregierung nicht erpressbar machen kann und darf.

Sagen wir, ich fordere die Einführung von vegetarischer Ernährung in allen deutschen Kindergärten, Schulen, sozialen Einrichtungen, Betriebskantinen etc. Um diese Forderung durchzusetzen, klebe ich mich dann einfach mal irgendwo mit Sekundenkleber im Bundestag fest. Rate, was passiert!? Richtig, ich würde ebenso »entklebt« und strafrechtlich verfolgt wie es schon Dutzenden Aktivisten der »Letzten Generation« passiert ist. Solch ein Vorgehen funktioniert nämlich einfach nicht. Und das ist auch gut so. Wir leben in einem Rechtsstaat und müssen uns alle an gewisse Regeln halten.

Wer sich nicht an diese Regeln halten will, fährt in einer immer enger werdenden Gewaltspirale Achterbahn. Druck erzeugt Gegendruck (Strafverfolgung, Freiheitsstrafen, Präventivhaft …), Gewalt erzeugt Gegengewalt. Und dies geschieht nicht nur auf Seiten des Staates. Auch einzelne Individuen der Gesellschaft zeigen sich immer öfter immer genervter von den Aktionen der »Letzten Generation«. Stinkende Fischdosen etwa, die neben den Klimaklebern platziert werden, sprechen eine ebenso beredte Sprache wie Attacken mit Speiseöl oder gar Reizgas.

 

Quo vadis, »Letzte Generation«?

Unwillkürlich fühle ich mich an die Rote Armee Fraktion (RAF) erinnert. Die RAF war in ihrem Selbstverständnis eine kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla. Und doch zeichnete sie in den Siebzigerjahren als linksextremistische terroristische Vereinigung für über 30 Morde an Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung sowie deren Fahrern, an Polizisten, Zollbeamten und us-amerikanischen Soldaten sowie für die Schleyer-Entführung, die Geiselnahme von Stockholm und mehrere Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten verantwortlich.

Noch betrachtet der deutsche Verfassungsschutz die »Letzte Generation« nicht als extremistische Vereinigung. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen »noch«. Wollen wir hoffen, dass sich dies in naher Zukunft nicht ändert.

 

Sissis Resümee

Auch ich habe nicht alle Antworten auf den drohenden Klimanotstand. Niemand von uns kennt sie, wage ich zu behaupten. Denn »grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum« (Johann Wolfgang von Goethe). Viel zu oft blicke ich weinenden Auges auf den schönsten aller mir bekannten Planeten, fühle mich hilflos und weiß nicht weiter. Und dann gebe ich mir einen Ruck und spreche mit Menschen über den Sinn erneuerbarer Energien, die Unterstützung ökologischer Landwirtschaft, nachhaltigen Konsum, Fair Fashion und Naturkosmetik. Alles Dinge, mit denen ich mich auskenne und die dazu beitragen, eine neue, grüne industrielle Revolution herbeizuführen.

Diese können wir jedoch nur erreichen, indem wir ihre dringende Notwendigkeit erklären, an die Vernunft und den Verstand jedes einzelnen appellieren und dann Schritt für Schritt Maßnahmen umsetzen. Und nicht, indem wir uns an Straßen festkleben, Gemälde mit Lebensmitteln bewerfen und Symbole mit Farbe beschmieren. Der Weg der »Letzten Generation« ist im besten Fall ein Weg ins Nichts, im schlimmsten Fall ein Weg in die Gewalt. Und damit nicht mein Weg.

XOXO

Sissi

[Artikelbild: Frank Peters via Adobe Stock. Es zeigt das Brandenburger Tor so, wie es aussehen soll …]