Bodetal im Harz

Wälder für Wildkatzen

Der Frost kriecht mir unter den Kragen meiner Winterjacke. Meine Atemwolken stehen in der kalten Februarluft, während der Boden unter meinen Stiefeln hart und unnachgiebig knirscht. Doch genau jetzt, während der Winter den Wald noch fest im Griff hat, erwacht der Naturschutz zu neuem Leben. Trotz der eisigen Temperaturen starten der BUND und seine Partner in die neue Saison. Sie trotzen der Kälte für ein Tier, das wie kaum ein anderes für die ungezähmte Seele unserer Wälder steht: die Europäische Wildkatze.

Rund 6.000 bis 8.000 dieser scheuen Jäger streifen heute wieder auf leisen Pfoten durch Deutschlands Laub- und Laubmischwälder. Damit das so bleibt, brauchen wir nicht einfach nur mehr Bäume. Wir brauchen Struktur. Im sechsjährigen Projekt »Wildkatzenwälder von morgen« entstehen deshalb keine sterilen Plantagen, sondern echte Lebensräume mit naturnahen Waldstrukturen. Der Fokus liegt auf den Übergangszonen: Waldränder mit heimischen Sträuchern und Gehölzen. Sie bilden die kritische Zone zwischen dem dichten Forst und dem offenen Land mit Feldern und Wiesen.

Bereits über 17.000 Meter solcher lebendigen Grenzen wachsen dank des Projekts heran. Diese Zahl ist ganz schön beeindruckend. Sie steht für kilometerlange arten- und strukturreiche Korridore unter anderem in Niedersachsen, Thüringen, Hessen und dem Saarland, die Tieren Deckung bieten. Wo früher oft harte Kanten die Landschaft zerschnitten, entstehen nun weiche, stufige Übergänge aus heimischen Sträuchern. Hier findet das Leben statt. Hier entscheidet sich die Zukunft der biologischen Vielfalt.

Puffer gegen den Sturm

Diese neuen Waldränder leisten Schwerstarbeit. Sie dienen nicht nur den Wildkatzen als Jagd- und Rückzugsräume, sondern schützen den Wald selbst. Sie bremsen den Wind. Sie verhindern, dass Stürme tief in das Innere des Bestandes greifen und Bäume entwurzeln. Zudem stoppen sie Bodenerosion und filtern Schadstoffe aus den angrenzenden Äckern und anderen Nutzflächen. In Zeiten der Klimakrise mit ihren zunehmenden Wetterextremen sind solche Funktionen Gold wert.

Der BUND setzt die Europäische Wildkatze (Felis silvestris) dabei clever als Leitart ein. Was ihr gefällt, nützt nämlich auch anderen. Wenn wir den Waldrand für die Samtpfoten optimieren, fühlen sich auch der Luchs, die Bechsteinfledermaus und der Mittelspecht wohl. Ein strukturreicher Wald hilft somit der gesamten Lebensgemeinschaft. Artenschutz und Klimaanpassung gehen hier Hand in Hand.

Burgen aus totem Holz

Doch Sträucher allein genügen nicht. Die Helfer vor Ort greifen daher auch zu handfesteren Mitteln. Sie bauen sogenannte Wildkatzenburgen. Das klingt märchenhaft, ist aber pure Praxis. Aus aufgeschichtetem Totholz entstehen sichere Verstecke. Ganz ähnlich wie die Mauswieselburgen, die ich im letzten Sommer mit dem WWF Schweiz gebaut habe, nur größer. Diese Rückzugsorte bieten den scheuen Wildkatzen Schutz vor Wetter und Feinden. Gleichzeitig verschwinden alte Zäune. Der Abbau nicht mehr benötigter Knotengitter öffnet die Landschaft wieder für wandernde Tiere.

Pauline Münchhagen koordiniert diese Aufgaben beim BUND. Sie betont, wie wichtig Austausch und Teamarbeit sind: »Naturschutz gelingt nur gemeinsam. Die meisten Flächen, auf denen wir aktiv sind, gehören nicht uns. Umso wichtiger ist die enge Zusammenarbeit mit Landesforsten und privaten Waldbesitzenden. Inzwischen unterstützen uns Partner in zehn Bundesländern. Viele setzen sogar eigene Maßnahmen für die Wildkatze um.«

Diese Kooperation beweist: Moderne Waldwirtschaft und Ökologie schließen einander nicht aus.

Wildkatzen unterscheiden sich von Hauskatzen vor allem durch ihren dicken, buschigen Schwanz, der stumpf endet und meist zwei bis drei breite, geschlossene schwarze Ringe und eine schwarze Spitze aufweist
Wildkatzen unterscheiden sich von Hauskatzen vor allem durch ihren dicken, buschigen Schwanz, der stumpf endet und meist zwei bis drei breite, geschlossene schwarze Ringe und eine schwarze Spitze aufweist | Foto: Thomas Stephan

Wissen teilen und mit anpacken

Das Projekt lebt vom Mitmachen. In einigen Regionen laden die Organisatoren Ortsansässige direkt ein, bei Pflanzaktionen den Spaten zu schwingen. Wer lieber lernt, besucht Online-Seminare oder geht auf Exkursion, etwa im Mai im thüringischen Sonneberg. Dort vermitteln Fachleute, wie wir unsere Wälder klimastabil machen.

Auch private Waldbesitzer sind gefragt. Der Verband ermutigt Forstbetriebe, Kommunen und Private gleichermaßen, eigene Flächen umzugestalten. Jeder Quadratmeter zählt! Wer Wildkatzen hilft, investiert in die Widerstandskraft des gesamten Ökosystems. Die neu gepflanzten Flächen schützen die Aktiven übrigens mit Holzgattern vor dem Verbiss durch Rehe und Hirsche. So sichern sie nachhaltig den Erfolg der Arbeit.

Lesetipps

Über das Projekt

Das sechsjährige Projekt »Wildkatzenwälder von morgen« wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert. Das Projekt setzen der BUND-Bundesverband, die BUNDjugend und die BUND-Landesverbände Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen um.

Sissis Resümee

Ich blicke auf den Waldrand in der Ferne und betrachte ihn nun mit neuen Augen. Er ist keine bloße Linie am Horizont. Er ist ein Bollwerk gegen den Klimawandel und ein Kindergarten für den Nachwuchs der Wildnis. Die Kälte des Februars wirkt plötzlich weniger feindlich. Sie ist der Vorbote eines Frühlings, in dem neue Strukturen wachsen – wenn wir es zulassen.

Vielleicht spürst auch du den Drang, etwas zu tun. Aktiv zu werden und selbst Hand anzulegen. Du musst nicht gleich einen ganzen Wald besitzen. Oft reicht ein aufmerksamer Blick bei deinem nächsten Spaziergang. Achte auf die Übergänge. Suche nach dem Totholz. Erfreue dich an der »Unordnung«, die nicht nur für die Wildkatze überlebenswichtig ist. Bring dich bei regionalen Naturschutzprojekten ein.

Zwar habe ich in den hiesigen Schweizer Wäldern noch keine Wildkatzen entdecken können. Doch Fuchs, Hase und Igel laufen mir immer wieder über den Weg. Auch sie sind Wanderer, die von strukturreichen Waldrändern und Grünkorridoren profitieren.

Wir teilen uns diesen Planeten mit faszinierenden Geschöpfen. Die Europäische Wildkatze kehrt leise zurück. Geben wir ihr den Raum, den sie braucht. Unterstütze lokale Pflanzaktionen oder informiere dich über die »Wildkatzenwälder von morgen«. Denn am Ende schützen wir mit dem Wald immer auch uns selbst.

Wir sehen uns draußen!

XOXO

Sissi

[Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und eigene Recherche. Artikelbild: Blick auf das Bodetal im Harz, Foto kuratiert von Rico Ködder via Adobe Stock. Gut zu wissen: Der Harz ist eines der wichtigsten Rückzugsgebiete für Wildkatzen in Deutschland. Nach ihrer Beinaheausrottung haben sich die scheuen Waldbewohner besonders im Ostharz wieder etabliert und gelten als fester Bestandteil der dortigen Fauna.]