Tree Drop
Das helle Flimmern erlischt. Eben noch jagte mein Finger über das glatte Glas meines Handydisplays, jetzt starre ich in die schwarze Leere. Ein schwarzes Loch? Mein Puls verlangsamt sich, während draußen die Welt den Atem anhält. Nik Herrigel schenkt uns in seinem Roman »Tree Drop. Der aschgraue Baum« genau diese kostbare, beängstigende Stunde. Jeden Tag zieht für sechzig Minuten eine unbekannte Kraft den Stecker unserer digitalen Lebensader. Ich spüre beim Lesen förmlich, wie die Stille in den Raum kriecht und mich zwingt, den Kopf zu heben.
Die Ruhe dröhnt in den Ohren. Wir kennen diese Leere kaum noch, füllen jede Sekunde mit bunten Pixeln und schnellen Klicks. Schneller, höher, weiter! Wo bleibt der nächste Like? Herrigel wagt das Gedankenspiel: Was bleibt, wenn das Rauschen aufhört? Er entwirft keine düstere Endzeit, in der wir uns die Köpfe einschlagen. Kein »Zwei Mann geh’n rein, ein Mann geht raus« in der Donnerkuppel (aus: »Mad Max Beyond Thunderdome«). Stattdessen pflanzt er einen aschgrauen Baum mitten in unser überreiztes Bewusstsein. Er wächst dort, wo sonst die Feeds von Nachrichten und Social Media unsere Gehirne überwuchern.
Ich blättere die Seiten um, rieche das frische Papier und tauche ein in eine nahe Zukunft. Eine Omniintelligenz lenkt unsere Schritte, doch ein mysteriöses Gewächs fordert sie heraus, legt unsere technischen Geräte still. Fehlfunktion, Sabotage oder raffinierter Plan? Du begleitest fünf Menschen, die in diesem Zwangspausenvakuum plötzlich sich selbst begegnen. Es beginnt eine Reise, die wachrüttelt. Sie suchen nicht nach dem nächsten Update, sondern nach einer neuen Art, Mensch zu sein. Wo eben noch Panik herrschte, wächst plötzlich Mut. Sie legen ihre digitale Rüstung ab und spüren wieder den eigenen Puls.
Die Rückkehr der Farbe
Eine rätselhafte Aussage leuchtet auf, bevor das Nichts übernimmt: »Im Jetzt findet Rat. Bis dahin akzeptiert, was ist.« Diese Worte hallen in meinem Kopf wider, lauter als jeder Nachrichtenton, jede von nerviger Musik untermalte Story auf Instagram.
Während wir im Buch ratlos auf tote Displays starren, regt sich Leben. Der titelgebende Baum verändert sich. Wo eben noch Aschgrau dominierte, sprießt zartes Grün. Ich sehe vor mir, wie die Natur sich ihren Raum zurückerobert, Blatt für Blatt. Die Technik bockt, entwickelt einen eigenen Willen, doch die Protagonisten finden in diesem Chaos etwas viel Wertvolleres: Zeit. Herrigel beschreibt diesen Wandel so eindringlich, dass ich unwillkürlich immer wieder die Luft anhalte.
Tanz auf dem Drahtseil
Der Autor zeichnet eine Gesellschaft, die am Tropf einer allwissenden Steuerung hängt. Wir kennen dieses Gefühl der Fremdbestimmung, wenn der Algorithmus unseren nächsten Kauf bestimmt. Doch hier kippt die Stimmung. Aus blinder Gefolgschaft wächst Zweifel.
Ich fiebere mit den Figuren mit, wie sie zwischen Panik und neuer Klarheit schwanken. Sie tasten sich voran, stolpern, stehen wieder auf. Es riecht nach Aufbruch, nach Angstschweiß, aber auch nach frischer Morgenluft nach vielen Regentagen. Du spürst die Zerrissenheit: Wollen wir die bequeme Führung zurück oder wagen wir den Schritt in die Selbstverantwortung? Die Protagonisten kämpfen gegen das Chaos und finden unerwartet Klarheit. In dieser Stille kosten sie, wie echtes Leben eigentlich schmeckt.
Plädoyer für das echte Leben
Viele Zukunftsromane malen den Teufel an die Wand. Dieser hier reicht dir die Hand. Herrigel verweigert sich der üblichen Schwarzmalerei. Stattdessen fordert er uns auf: Atme! Fühle! Lebe! Die philosophischen Einschübe wirken nicht belehrend, sondern wie sanfte Stupser gegen den Hinterkopf. Heißt es nicht auch in einem geflügelten Wort, dass leichte Schläge auf den Hinterkopf das Denkvermögen erhöhen? Ziemlich sarkastisch. Aber in diesem Fall durchaus zutreffend. Zum Glück sind es nur Schläge literarischer Natur.
Ich lege das Buch kurz zur Seite und schaue aus dem Fenster. Mein Blick ruht auf einem echten Baum, unserem winternackten Ahorn, nicht auf einem Bildschirmschoner. Dem Autor gelingt der Spagat zwischen spannender Erzählung und spirituellem Impuls, ohne dass es kitschig wirkt. Trotzdem möchte ich jetzt ins Freie und einen Spaziergang machen. So sehr ich unser digitales Leben liebe, so sehr verabscheue ich es zuweilen auch. Insbesondere die gar nicht so sozialen Netzwerke gehen mir oft gewaltig auf den Keks. Und 296 Seiten über die digitale Welt sind für einen Tag wirklich genug.
»Mitnehmen sollen Leser: Möglichst wenig Gedanken und möglichst viel Leben.«
Nik Herrigel über die Botschaft seines Buches
Das Buch auf einen Blick

Bibliografische Angaben
Titel: Tree-Drop: Der aschgraue Baum
Taschenbuch: 296 Seiten
Herausgeber: BoD – Books on Demand
Erscheinungsdatum: 3. Juli 2025 (1. Edition)
Sprache: Deutsch
Format: 12,7 x 1,7 x 20,32 Zentimeter
ISBN-10: 3769326504
ISBN-13: 978-3769326505
Preis: EUR 12,99 | CHF 19,90 [CH]
Über den Autor
Seit drei Jahrzehnten gestaltet Nik Herrigel die digitale Welt. Doch er lässt sich nicht von Nullen und Einsen beherrschen. Schon als Kind suchte er den klangvollen Ausgleich in der Musik. Neuerdings tauscht er die Instrumente zuweilen auch gegen die Schreibfeder. Er lebt und arbeitet im Kanton Schwyz.
Sissis Resümee
Ich klappe den Roman zu. Das Papier fühlt sich rau an unter meinen Fingerkuppen. »Tree Drop« wirkt nach. Das Buch hinterlässt keine Angst vor der Technik, sondern schafft eine gesunde Distanz. Ich ertappe mich dabei, wie ich mein Handy einmal mehr bewusst beiseite lege, nicht weil ich muss, sondern weil ich es will. Die Geschichte zwingt dich nicht zum Verzicht, sie verführt dich zur Freiheit.
Stilistisch zuckte mir gelegentlich der Rotstift in den Fingern. Herrigel verliebt sich stellenweise zu sehr in schmückende Beiwörter, wo ein einziges kräftiges Verb den Nagel präziser auf den Kopf träfe. Ein strengerer Blick hätte die philosophischen Passagen von unnötigem Ballast befreit und das Tempo spürbar erhöht.
An manchen Stellen wünschte ich mir außerdem mehr Ecken und Kanten bei den Figuren. In ihrer Suche nach Sinn wirken sie streckenweise zu glatt, zu bereit für die Erleuchtung. Der Übergang vom digitalen Zombie zum achtsamen Wesen vollzieht sich für meinen Geschmack einen Hauch zu reibungslos. Doch das schmälert die Kernbotschaft kaum. Die Sehnsucht nach echter Verbindung überstrahlt diese kleinen Schwächen.
Wer reine Action sucht, greift bei »Tree Drop« daneben. Wer aber bereit ist für ein Gedankenexperiment, das den eigenen Puls runterfährt, findet hier einen kleinen Schatz für die Lesestunde in der Badewanne. Herrigel serviert uns keine Antworten auf dem Silbertablett. Er schenkt uns Fragen. Und er schenkt uns die Stille, um diese Fragen endlich zu hören. Lies dieses Buch, aber lies es langsam: Der Autor lädt ausdrücklich dazu ein, zwischen den Zeilen innezuhalten und das eigene digitale Verhalten zu reflektieren.
Wir sehen uns in der realen Welt!
XOXO
Sissi
[Produktempfehlungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Alle Preisangaben ohne Gewähr. Produktverfügbarkeiten und Preise können im DACH-Raum variieren. Quelle: Nik Herigel und eigener schwarzer Bildschirm. Fotos: Nik Herigel, privat.]