Streusalz ist Baumkiller Nummer Eins
Der Winter knirscht unter meinen Stiefelsohlen. Ein weißer Schleier überzieht die Gehwege, der in der Nase beißt und an den Stiefeln hässliche Ränder hinterlässt. Doch während ich mir lediglich Sorgen um das Leder meiner Winterstiefel mache, spielt sich im Boden unter mir ein stilles Drama ab. Das Streusalz, das uns sicheren Schrittes durch die eisigen Tage bringt, entpuppt sich als schleichendes Gift für unsere grünen Riesen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schlägt Alarm.
Ich blicke hinauf in die kahlen Kronen der Stadtbäume. Sie wirken im Februar ruhig und schlafend. Doch der Schein trügt gewaltig. Unten im Erdreich sammelt sich das Natriumchlorid an, das wir immer noch allzu großzügig verteilen. Es versickert mit dem Schmelzwasser und reichert sich dort über Jahre an. Für die Wurzeln beginnt ein Kampf ums Überleben, den sie ohne unsere Hilfe verlieren. Das Salz wird, so warnt der BUND, zum Baumkiller Nummer Eins.
Besonders tragisch finde ich die Ironie dieses Vorgangs. Wir wollen Sicherheit auf den Straßen und Gehwegen, opfern dafür aber langfristig unsere Schattenspender im Sommer. Wenn der Frost geht, bleibt das Gift. Die Bäume erwachen bald aus ihrer Winterruhe und brauchen Kraft für den Austrieb. Statt lebenswichtiger Nährstoffe saugen sie dann jedoch eine salzige Brühe auf. Die Folgen sehen wir oft erst Monate später, wenn es längst zu spät ist.
Der fatale Durst im Frühling
Das Salz im Boden verändert alles. Es zerstört die Krümelstruktur der Erde und blockiert die Wasseraufnahme. Du kannst dir das vorstellen wie bei einem Schiffbrüchigen auf dem Meer: Überall ist Wasser, aber er kann es nicht trinken. Die hohe Salzkonzentration verhindert, dass die Wurzeln die Feuchtigkeit aufnehmen können. Das Resultat ist purer Stress. Wenn dann noch der Regen ausbleibt, gerät der Baum in eine tödliche Zange aus Trockenheit und Versalzung.
Die sichtbaren Zeichen dieses Kampfes brechen mir das Herz. Die Blätter sterben vom Rand her ab und verfärben sich rotbraun (Blattrandnekrosen). Ganze Kronenteile vertrocknen und ragen wie mahnende Finger in den Himmel. Das Salz verätzt zudem auch die feinen Wurzelspitzen und die Rinde. Es ist ein Angriff von allen Seiten, der die Vitalität selbst starker Bäume bricht.
Wellnesskur gegen den Salztod
Doch wir müssen diesem Sterben nicht tatenlos zusehen. Christian Hönig vom BUND fordert eine sofortige »Intensivkur« für unsere gestressten Stadtbäume. Die Devise lautet: Wässern und Düngen. Bevor die ersten Knospen brechen, brauchen die Bäume massenhaft frisches Wasser. Das verdünnt die gefährliche Salzlauge im Wurzelbereich und erleichtert die Aufnahme.
Zusätzlich verlangt die Situation nach Nährstoffen. Eine bedarfsgerechte Düngung hilft den Bäumen ebenso wie anderen Pflanzen, weniger von dem schädlichen Chlorid aufzunehmen. Es ist quasi eine Entgiftung im großen Stil. Kommunen und Grünflächenämter stehen hier in der Pflicht. Sie müssen jetzt handeln und Bodenverdichtungen lockern, damit unsere grünen Lungen den Start in den Frühling überleben. Ein kluger Winterdienst denkt den Sommer bereits mit.
Muskelkraft statt Chemie
Auch du und ich tragen Verantwortung. Vor der eigenen Haustür greifen wir viel zu oft aus Bequemlichkeit zum Streusalzsack. Das muss aufhören! Besonders auf Gehwegen fließt die salzige Lauge direkt in den empfindlichen Wurzelbereich der Straßenbäume, aber auch in unsere Gärten. Der BUND ruft uns dazu auf, das Streusalz im Schrank zu lassen. Greif lieber zu Besen, Schaufel und Eiskratzer! Das wärmt nicht nur den Körper, sondern schont auch unsere Natur.
Vorsicht ist auch bei vermeintlichen Alternativen geboten. Hausmittel wie Gurkenwasser oder biologisch abbaubare Ameisensäure klingen nur im ersten Moment gut, haben aber ebenfalls ihre Tücken. Gurkenwasser wirkt lediglich über das darin gelöste Kochsalz und Ameisensäure zehrt beim Abbau wertvollen Sauerstoff im Boden und in den Gewässern auf. Am Ende hilft nur mechanische Arbeit und abstumpfendes Streugut wie Sand oder Split. Auch die Pfoten unserer Hunde und vieler Wildtiere werden es uns danken, wenn sie nicht mehr über ätzende Beläge laufen müssen.
Sissis Resümee
Sicher, Sand und Split landen gern mal in unseren Schuhen, piksen unsere Füße und zerreißen im schlimmsten Fall sogar unsere Strümpfe. Doch die Alternative ist fatal. Und ja, der Griff zur Schaufel mag anstrengender sein als das schnelle Streuen, aber er ist ein direkter Dienst an der Natur. Ich möchte im Sommer unter einem dichten, grünen Blätterdach spazieren gehen, das mir kühlen Schatten spendet. Dieser Luxus beginnt mit der Arbeit im Winter.
Wir haben es in der Hand. Jeder Baum, den wir jetzt vor der Versalzung bewahren, kühlt unsere überhitzten Städte im kommenden August. Die Vorstellung von rostbraunen, sterbenden Blättern im Mai ist für mich Motivation genug. Lasst uns den Bäumen, Böden und Gewässern die Chance geben, die sie verdienen!
Der Frühling steht vor der Tür. Bereiten wir ihm einen gesunden Empfang. Ich werde die Städte und Gemeinden beobachten, ob sie den Bäumen ihre wohlverdiente Wasserkur gönnen. Und ich werde meinen Mitmenschen freundlich zulächeln, wenn ich sie mit der Schneeschaufel statt dem Salzsack in der Hand antreffe. Gemeinsam schaffen wir das, oder?
Wir sehen uns beim Schneeschippen!
XOXO
Sissi
[Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und eigene Recherche. Artikelbild: Aboutmomentsimages via Adobe Stock.]