Rette das Tschilpen der Spatzen!
Wenn im Frühling heiteres Zwitschern aus Hecken, Dachrinnen und Gartengebüschen erklingt, ist ein alter Bekannter meist nicht weit: der Spatz. Kaum ein anderer Vogel lebt so eng mit uns Menschen zusammen wie der Sperling. Er ist der kecke Nachbar, der beim Frühstück auf der Terrasse frech nach Krümeln schielt und mit seinem unbeschwerten Gezeter den Tag einläutet. Doch hinter der Fassade des omnipräsenten Allerweltsvogels verbirgt sich eine besorgniserregende Entwicklung.
Trotz ihrer gefühlten Häufigkeit gehen die Bestände in Europa seit Jahrzehnten zurück. In Österreich ist die Anzahl der Spatzen im Siedlungsraum in den vergangenen 20 Jahren um rund 25 Prozent geschrumpft. Auch in Deutschland und der Schweiz ist die Lage ernst: In beiden Ländern wird der Haussperling bereits auf der Vorwarnliste der Roten Liste geführt. Während die Schweizerische Vogelwarte Sempach den Haussperling noch als häufigen Brutvogel listet, sind die Bestände in urbanen Zentren wie Zürich oder Genf seit den 1980er-Jahren teilweise massiv eingebrochen, da moderne Fassadensanierungen wertvolle Nistplätze vernichten und versiegelte Flächen kaum noch Insekten als Nahrung bieten.
Zum Welttag der Spatzen am 20. März rückt der österreichische Naturschutzbund unsere gefiederten Mitbewohner daher besonders in den Fokus. Es ist Zeit, genauer hinzusehen: Wer zwitschert da eigentlich genau und wie können wir unseren kleinen Freunden den Lebensraum erhalten, den sie so dringend brauchen?
Gesang in der Nachbarschaft
Spatzen sind aus unseren Städten und Dörfern nicht wegzudenken. Der Haussperling (Passer domesticus) ist dabei wohl eine der bekanntesten Vogelarten überhaupt. Er liebt die Geselligkeit, lebt besonders eng mit uns zusammen und brütet meist in kleinen, quirligen Kolonien. Das morgendliche Spatzenkonzert ist sein Markenzeichen. Dass er trotz Rückgängen immer noch präsent ist, zeigen die geschätzten Bestandszahlen: In Deutschland brüten etwa 5,6 bis elf Millionen Paare, in Österreich rund eine bis 1,5 Millionen und in der Schweiz etwa 500.000 bis 700.000 Paare. Die Herren der Schöpfung erkennst du leicht an ihrer grauen Kopfplatte und dem markanten schwarzen Kehlfleck, während die Weibchen im schlichteren Braun daherkommen.
Weniger bekannt ist sein Verwandter, der Feldsperling (Passer montanus). Er ist ein wenig kleiner und unauffälliger als der Haussperling – und meist deutlich schwächer vertreten. In der Schweiz etwa brüten nur rund 130.000 bis 170.000 Paare. Bei den Feldsperlingen herrscht optische Gleichberechtigung: Männchen und Weibchen sehen identisch aus. Ihr Markenzeichen ist die kastanienbraune Kopfkappe und ein charakteristischer schwarzer Fleck auf der weißen Wange. Beide Arten sind wahre Anpassungskünstler, die gelernt haben, die vom Menschen geschaffenen Lebensräume für sich zu nutzen.
Leben mit den Menschen
Die Bindung zwischen Spatz und Mensch ist historisch gewachsen. Besonders der Haussperling ist ein echter Gebäudefan. Er nutzt Mauernischen, Nischen unter Dachziegeln oder Fassadenritzen als willkommenen Brutplatz. Feldsperlinge sind etwas zurückhaltender. Sie bevorzugen strukturreiche Gärten, Streuobstwiesen oder Dorfränder mit dichten Hecken und alten Bäumen. Während sie ebenfalls gern Nistkästen beziehen, suchen sie sich ihre Kinderstuben häufiger in natürlichen Baumhöhlen.
Ein naturnaher Garten bietet für beide Arten das Paradies auf Erden. Hecken und Sträucher dienen als sicherer Rückzugsort vor Fressfeinden und geschützte Brutplätze. Offene Flächen und Beete sind die Speisekammern, in denen die Spatzen Nahrung finden. Ein entscheidender Punkt ist die Jungenaufzucht: In dieser Zeit sind Spatzen zwingend auf ein großes Angebot an Insekten angewiesen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt sich jedoch ein ähnliches Problem: Durch den Rückgang von Käfern und Larven in sterilen Gärten verhungern viele Nestlinge bereits in den ersten Tagen. Wer also Vögel füttert, sollte im Frühling unbedingt auf proteinreiche Kost achten oder – noch besser – für einen insektenreichen Garten sorgen.
Warum die Spatzen schwinden
Warum schwinden die Bestände eines so anpassungsfähigen Vogels? Die Gründe sind vielfältig und leider menschengemacht. Der Hauptgrund ist der dramatische Verlust an geeigneten Brutplätzen. Moderne, perfekt isolierte Gebäude lassen keinen Raum mehr für Nischen und Spalten. Wo früher ein loser Dachziegel oder ein kleiner Riss in der Fassade ein Zuhause bot, herrscht heute sterile Glätte. In Städten wie Wien, Berlin oder Zürich führt der Sanierungsdruck dazu, dass ganze Kolonien ihre traditionellen Nistplätze von heute auf morgen verlieren. Auf der verzweifelten Suche nach Alternativen weichen die Vögel oft auf gefährliche Orte wie Rollädenkästen oder Lüftungsschächte aus, die schnell zur tödlichen Falle werden können.
Gleichzeitig verändern sich auch unsere Gärten zum Nachteil der Vögel. Strukturreiche Refugien mit wilden Ecken und schützenden Hecken weichen zunehmend »aufgeräumten«, versiegelten Flächen. Auch die Speisekarte wird immer karger. In Deutschland und Österreich ist die Biomasse der Fluginsekten in vielen Regionen um über 75 Prozent eingebrochen. Dieser Insektenschwund entzieht vor allem den Jungvögeln die Lebensgrundlage. In den ersten Lebenswochen sind sie auf tierisches Eiweiß angewiesen – wo keine Insekten mehr krabbeln, verhungert der Nachwuchs im Nest.

Hilfe für gefiederte Freunde
Die gute Nachricht ist: Wir können den Abwärtstrend stoppen! Schon kleine Maßnahmen im eigenen Garten oder auf dem Balkon bewirken viel. Strukturreichtum ist das Zauberwort. Setze auf heimische Sträucher und blühende Pflanzen, die Insekten anlocken. Erlaube ein bisschen »Unordnung« und lass wilde Ecken stehen. Der konsequente Verzicht auf Pestizide ist Ehrensache für jeden Spatzenfreund.
Zusätzlich helfen Nistkästen an Gebäuden, den Mangel an natürlichen Brutnischen auszugleichen. Wer einen der frechen Gesellen entdeckt, kann sogar einen Beitrag zur Forschung leisten. In Österreich freuen sich der Naturschutzbund und die Initiative »Tierisch engagiert« über jedes Vogelbild, das auf der Plattform Naturbeobachtung.at oder in der gleichnamigen App geteilt wird.
In Deutschland und der Schweiz rufen der NABU und BirdLife Schweiz jährlich zur »Stunde der Gartenvögel« auf, um Bestände gemeinsam zu erfassen. So werden wir alle zu Citizen Scientists und helfen dabei, unsere gefiederten Freunde besser zu verstehen und zu schützen.
Lesetipps
Mein Herz für freche Spatzen
Für mich gehört das Tschilpen der Spatzen untrennbar zu einem lebendigen Morgen dazu. Ich liebe ihre unbeschwerte Art und die Energie, mit der sie durch Hecken, Sträucher und Bäume tollen. Es ist schmerzhaft zu lesen, dass ausgerechnet diese treuen Begleiter still und leise aus unserem Alltag verschwinden, nur weil wir unsere Welt zu »sauber« und zu glatt gestalten.
Gerade jetzt, wenige Wochen vor dem Umzug, nehme ich Balkon und den Garten ganz bewusst wahr. Die kleinen Nischen, die ich über die Jahre geschaffen habe, sind lebenswichtige Trittsteine für Haus- und Feldsperling. Dass der Spatz in Österreich bereits ein Viertel seines Bestandes verloren hat und auch in Deutschland und der Schweiz auf der Vorwarnliste steht, ist ein Weckruf.
Ich werde auch in meinem neuen Zuhause dafür sorgen, dass insekten- und damit vogelfreundliche Pflanzen den Ton angeben. Denn was wäre ein Frühling ohne das freche Konzert unserer gefiederten Freunde? Der Welttag der Spatzen erinnert uns daran, dass Artenschutz direkt vor der eigenen Haustür beginnt. Ein bisschen mehr Wildnis zuzulassen, kostet uns fast nichts – aber für den Spatz bedeutet es die Welt.
Wir sehen uns beim Spatzengucken!
XOXO
Sissi
[Quellen: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Haussperling (Passer domesticus), Foto kuratiert von CreativeSuburb via Adobe Stock.]