Weibchen der Rainfarn-Seidenbiene bei der Pollen- und Nektaraufnahme auf Margerite (Leucanthemum vulgare)

Rainfarn-Seidenbiene

Wer im Hochsommer durch blütenreiche Sandlandschaften oder an Wegrändern mit goldgelbem Rainfarn spaziert, kann einer ganz besonderen Wildbiene begegnen: der Rainfarn-Seidenbiene (Colletes similis). Wir können sie leicht an ihren weißen Haarbinden erkennen. Mit den Bürsten an ihren Vorderbeinen sammelt sie Pollen, den sie auf ihre Hinterbeine verlagert, um ihn zu transportieren.

Sand prägt den Lebensraum der Rainfarn-Seidenbiene. Sie besiedelt Binnendünen, Flugsandfelder, Sand- und Kiesgruben sowie sandige Ruderalflächen, seltener auch Löss. Sie ist gut an solch trockene, warme Standorte angepasst, weshalb der Schutz dieser oft unterschätzten Lebensräume entscheidend für ihr Überleben ist. Schafe, die auf Trockenhängen weiden, halten diese wertvollen Flächen offen, was wiederum das Blütenangebot sichert und seltene Pflanzen fördert. Ebenso hilfreich ist es, gezielt Gehölze zu entfernen oder eine Fläche durch Mahd abzumagern, um geeignete Lebensräume für diese Bienenart zu schaffen.

Lebensweise

Ihre Brutröhren gräbt die Rainfarn-Seidenbiene in sandige Steilwände, schroffe Abbruchkanten oder kahle, sonnenwarme Flächen. In den Röhren legt sie wiederum die Kammern für ihre Nachkommen an. Diese kleidet die Seidenbiene mit einer wasserabweisenden Substanz aus, die sie aus ihrem Speichel erzeugt. Somit sind Eier und Larven gut vor Feuchtigkeit und Krankheitserregern geschützt. Zugleich sieht die Beschichtung in unseren Augen auch sehr hübsch aus: Sie ist seidig-glänzend und der Namensgeber dieser Biene.

Die Rainfarn-Seidenbiene ist von Juni bis September unterwegs und fliegt meist bei sonnigem Wetter auf blütenreichen Flächen. Im Hochsommer, wenn der intensiv duftende Rainfarn (Tanacetum vulgare) mit seinen leuchtend gelben Goldknöpfchen am Wegrand blüht, sind auch Wildbienen wie die Rainfarn-Seidenbiene nicht weit entfernt. Wie ihr Name bereits verrät, hat sie eine Vorliebe für diese trockenheitsverträgliche Pionierpflanze. Zudem fliegt sie häufig und gern auf Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium), Färber-Kamille (Anthemis tinctoria) und Weiden-Alant (Inula salicina). »Hauptsache Korbblütler« ist ihre Devise.

Doch wo Blütenreichtum ist, bleibt sie selten allein: Die Gewöhnliche Filzbiene (Epeolus variegatus) legt ihre Eier in den Nestern der Rainfarn-Seidenbiene ab. Ihre Larven bedienen sich dann am sorgfältig gesammelten Pollenvorrat der Wirtsbiene.

Verbreitungskarte zur Rainfarn-Seidenbiene (Colletes similis)

So kannst du helfen

Wer der Rainfarn-Seidenbiene helfen möchte, muss nicht gleich eine Binnendüne anlegen, oft reicht schon ein kleiner Schritt in Richtung Wildnis. Ob im Garten oder auf dem Balkon: Entscheidend ist, Räume nicht vollständig zu gestalten, sondern auch etwas Unordnung zuzulassen.

Offenliegende, sandige Stellen, der Verzicht auf Mulch oder Pestizide und ein paar heimische Korbblütler – all das kann helfen. Jeder Quadratmeter zählt, denn selbst kleine Strukturen können in einem Biotopverbund zum wertvollen Trittstein werden. Wer Vielfalt zulässt, lädt auch faszinierende Spezialisten wie die Rainfarn-Seidenbiene in seine unmittelbare Nachbarschaft ein.

Weitere Tipps, wie du bienenfreundliche Strukturen schaffst, findest du unter anderem in den von mir vorgestellten Büchern »Mein Insektenparadies«, »Wer Schmetterlinge liebt, muss Raupen füttern«, »Biene sucht Balkon«, »Gartenmomente: Bienen- und insektenfreundlich gärtnern«, »Wildnis im Garten« und »Auf ins Beet! 30 wilde Gartenideen für Radieschenräuber und Bienenretter« oder auch online unter Deutschland summt und Wir tun was für Bienen. Schau einfach mal rein!

Steckbrief

  • Lateinischer Name: Colletes similis SCHENCK, 1853
  • Flugzeiten: Juni bis September
  • Lebensraum: trockenwarme Ruderalflächen, Bahnanlagen, Weinbergbrachen, Hochwasserdämme, Trockenhänge sowie Sand- und Lehmgruben
  • Nahrung: spezialisiert (oligolektisch)
  • Nistweise: nistet in selbstgegrabenen Hohlräumen in Steilwänden, Abbruchkanten und in vegetationsarmen Flächen
  • Kuckucksbiene: Gewöhnliche Filzbiene (Epeolus variegatus LINNAEUS, 1758)
  • Gefährdung: weitverbreitet und mäßig häufig; in Deutschland ungefährdet, in Niedersachsen und Sachsen gefährdet
  • Besonderheiten: kleidet ihre Brutzellen mit einer wasserabweisenden, seidig-glänzenden Substanz aus, um Brutzellen vor Nässe und Krankheitserregern zu schützen

Bienenliteratur

  • Amiet, Felix & Krebs, Albert: Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung. Haupt Verlag, Bern 2012.
  • Bellmann, Heiko & Helb, Matthias: Bienen, Wespen, Ameisen. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
  • Hemmer, Cornelis & Hölzer, Corinna: Wir tun was für Bienen. Wildbienengarten, Insektenhotel und Stadtimkerei. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
  • Løken, Astrid: Studies on Scandinavian Bumble Bees (Hymenoptera, Apidae). Norsk ent. Tidsskr. 20: 1–218 1973.
  • Michener, Charles Duncan: The Bees of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007.
  • Scheuchl, Erwin & Willner, Wolfgang: Wildbienen ganz nah – Die 100 häufigsten Arten schnell und sicher unterschieden. Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim 2024.
  • Scheuchl, Erwin & Wolfgang Willner: Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas: Alle Arten im Portrait. Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co., Wiebelsheim 2016.
  • Westrich, Paul: Die Wildbienen Deutschlands, 2. Auflage, 1.700 Farbfotos. Ulmer-Verlag, Stuttgart 2019.
  • Wiesbauer, H.: Wilde Bienen – Biologie–Lebensraumdynamik von über 470 Wildbienen Mitteleuropas, 2. Auflage. Eugen Ulmer KG, Stuttgart 2017.

Sissis Resümee

Zwar ist die Rainfarn-Seidenbiene (Colletes similis) in Deutschland weit verbreitet und bis auf Niedersachsen und Sachsen nicht gefährdet, doch wie sieht es in Österreich und der Schweiz aus? Auch hier ist die Art zu finden, wenngleich lokale Unterschiede in der Gefährdung in den einschlägigen Quellen nicht explizit genannt werden.

Auch im Thurgau, meiner Wahlheimat, wo sonnenexponierte Ruderalflächen seltener werden und Sandlandschaften quasi ein Fremdwort sind, ist es wichtig und möglich, auf die Bedürfnisse dieser faszinierenden Wildbiene zu achten. Jeder naturnahe Garten, jeder ungemulchte Bereich, ja, selbst kleine Sandflächen können für die Rainfarn-Seidenbiene zu einem wertvollen Trittstein werden und ihr Überleben sichern. Und Korbblütler (Asteraceae) gedeihen in nahezu jedem Garten und auf jedem Balkon.

Ein paar Beispiele gefällig? Bitte sehr! Neben den oben schon genannten Arten zählen auch Gänseblümchen, Löwenzahn, Kamille, Ringelblume, Schafgarbe, Beifuß, Wermut, Klette und Huflattich sowie Arnika, Sonnenhut, Goldrute und Mariendistel zu den Vertretern dieser Familie.

Wir lassen ja gern alles Heimische wachsen, was sich in unserem Garten selbst ansiedelt, und es ist ermutigend zu sehen, wie schon kleine Schritte im eigenen Umfeld Großes bewirken können. Wenn wir Räume nicht perfekt durchgestalten, sondern bewusst etwas »Unordnung« zulassen, schaffen wir wichtige Lebensräume für Insekten. Auch das Pflanzen heimischer Korbblütler ist eine einfache, aber effektive Maßnahme, um die Rainfarn-Seidenbiene und viele andere Wildbienenarten direkt vor unserer Haustür zu unterstützen. Gut zu wissen: Viele dieser Pflanzen gedeihen ganz wunderbar im Kübel auf dem Balkon.

Lass uns die Rainfarn-Seidenbiene als Botschafterin für mehr Wildnis in unserer direkten Umgebung sehen. Ihr Fortbestand hängt maßgeblich davon ab, wie wir unsere Landschaften gestalten und ob wir bereit sind, auch den kleinen, oft übersehenen Bewohnern einen Platz einzuräumen. Jeder Quadratmeter zählt, denn gemeinsam können wir dafür sorgen, dass diese gestreiften Schönheiten auch weiterhin durch unsere Sommer fliegen.

Wir sehen uns im Garten!

XOXO

Sissi

[Quelle: Stiftung für Mensch und Umwelt und eigene Recherche. Grafik: Dominik Jentzsch via Stiftung für Mensch und Umwelt. Artikelbild: Weibchen der Rainfarn-Seidenbiene (Colletes similis) bei der Pollen- und Nektaraufnahme auf Margerite (Leucanthemum vulgare), fotografiert von Roland Günter.]