Weibchen der Europäischen Kreuzotter (Vipera berus) in der Tschechischen Republik

Paradies für unsere Reptilien

Ende Februar fegt der Wind peitschend durch die kahlen Äste. Dauerregen wechselt sich ab mit Schneeschauern. Ich stehe im Garten und atme den Geruch der feuchten Erde ein. Jedes Jahr am 21. Februar blickt die Welt anlässlich des Welttags der Schuppentiere besorgt nach Asien und Afrika. Dort bedroht der illegale Handel die lokalen Populationen massiv. Doch wir müssen gar nicht in die Ferne schweifen! Auch direkt vor unserer eigenen Haustür rascheln in den warmen Monaten Reptilien geheimnisvoll im Laub und hoffen auf ein gemütliches Plätzchen in unseren Gärten.

Der Naturschutzbund Östereich rückt dieses Jahr unsere heimischen Arten ins verdiente Rampenlicht. Ganze vierzehn verschiedene Schuppenkriechtiere (Squamata) bevölkern die Alpenrepublik. Dazu zählen flinke Eidechsen und lautlos gleitende Schlangen. Sie sonnen sich auf warmen Steinen oder durchstreifen das hohe Gras. Zauneidechse, Blindschleiche, Kreuzotter und Ringelnatter gehören ebenfalls zu dieser wunderbaren Ordnung der Reptilien und sind auch in Deutschland und in der Schweiz zuhause.

Diese oft verkannten Tiere erfüllen lebenswichtige Aufgaben für unsere Umwelt. Sie halten unser komplexes Ökosystem in einer feinen Balance. So vertilgt zum Beispiel eine hungrige Schlange mit Vorliebe Wühlmäuse, die ansonsten nicht nur im Garten schnell zur Plage geraten. Das dämmt eine unkontrollierte Ausbreitung der Nagetiere auf natürliche Weise ein. Zugleich dienen die Kriechtiere selbst als lebenswichtige Beute. Seltene Greifvögel wie der Schlangenadler benötigen sie dringend zum Überleben.

Verstecke im bunten Mosaik

Die Natur liefert Reptilien unterschiedlichste Lebensräume. Doch wo findest du diese faszinierenden Wesen? Am liebsten besiedeln die Schuppenkriechtiere abwechslungsreiche Landschaften, die einem bunten Mosaik gleichen. Die Ringelnatter durchstreift als echte Generalistin unterschiedlichste Gebiete, sogar am Badesee habe ich sie schon angetroffen.

Andere Arten zeigen sich bei der Wahl ihres Zuhauses wählerischer und benötigen ganz spezielle Rückzugsorte. Die stark gefährdete Hornotter sucht gern die rauen Geröllflächen und Steinmauern lichter Wälder auf. Die Kreuzotter verbirgt sich im nassen Moos der Feuchtwiesen und Moore, während die Blindschleiche lautlos durch das morsche Totholz sonniger Laubwälder gleitet. Mir ist bis heute schleierhaft, warum sie sich bei uns ausgerechnet im eher schattigen unteren Garten wohlfühlt …

Blindschleiche (Anguis fragilis)
Blindschleiche (Anguis fragilis) | Foto: Florian

Schwindende Artenvielfalt

Der Verlust von extensiven Nutzflächen und Kleinstrukturen drängt unsere Reptilien immer mehr zurück. Die unaufhaltsame Zersiedelung von Landschaften und die zunehmende Verwaldung rauben den Tieren ihren angestammten Platz. Nehmen wir Schlangen und Echsen ihr schützendes Zuhause, schrumpfen ihre Bestände dramatisch. Im schlimmsten Fall sterben sogar ganze Arten unwiederbringlich aus. Die Wiesenotter haben wir als heimische Art bereits komplett verloren: Sie gleitet heute nur noch in Nachbarländern wie Ungarn sowie in Teilen Rumäniens, Bulgariens, Mittelitaliens, Südfrankreichs sowie des Balkans durch das Gras.

Auch die Europäische Hornotter steht dramatisch nah vor dem Aussterben. Mauereidechse, Würfelnatter und Östliche Smaragdeidechse gelten mittlerweile als stark gefährdet. Schlingnatter, Kreuzotter und Kroatische Gebirgseidechse sind gefährdet, während Westliche Blindschleiche, Zauneidechse, Bergeidechse, Ringelnatter und Äskulapnatter als potenziell gefährdet eingestuft werden.

Wir müssen dringend handeln, um diesen fatalen Schwund aufzuhalten!

Mauereidechse (Podarcis muralis)
Mauereidechse (Podarcis muralis) | Foto: Lichtreflexe

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Sissis Resümee

Bald packe ich meine letzten Kisten für den anstehenden Umzug. Der Abschied von meinem wilden Garten schmerzt mich sehr. Besonders die schimmernden Blindschleichen und flinken Eidechsen werde ich unglaublich vermissen. Sie wärmten sich jeden Morgen friedlich auf den Felsen im Steingarten. Du kannst dir dieses Naturwunder ganz einfach in dein eigenes Zuhause holen: Erschaffe dafür eine naturnahe Grünfläche mit »unordentlichen Ecken«. Weniger Pflege bedeutet hier tatsächlich deutlich mehr Leben.

Lass Herbizide, Pestizide und chemische Düngemittel endgültig im Regal stehen. Die schuppigen Gartenbewohner schätzen das sehr. Schichte stattdessen raschelndes Laub, knorrige Äste und Steine zu gemütlichen Haufen auf. Du kannst Kräuter und Blumen davor setzen und so optisch für »Ordnung« sorgen. Blindschleichen und Ringelnattern nutzen deinen warmen Komposthaufen gern als Futterplatz oder für die Eiablage. Wenn du den Rasen stutzt, wähle unbedingt kühle, bewölkte Tage. Mähe am besten früh morgens oder am mittleren Nachmittag. Dann ruhen die Tiere und du gefährdest sie bei der Gartenarbeit nicht.

Für die eisigen Monate brauchen die Reptilien dringend wetterfeste Verstecke. Baue dafür frostsichere Stein- und Holzhaufen. Diese müssen tief in den Erdboden reichen. So überstehen die Tiere Eis und Schnee völlig unbeschadet. Beobachtest du eine Schlange oder Echse in deinem Gartenparadies? Dann greife leise zur Kamera. Teile dein Foto auf einer Citizen-Science-Plattform wie Naturbeobachtung.at. Damit leistest du einen wertvollen Beitrag zur Erfassung unserer heimischen Arten.

Wir halten den Wandel in den eigenen Händen, direkt vor unserer Terrassentür. Bist du dabei?

XOXO

Sissi

[Quelle: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Weibchen der Europäischen Kreuzotter (Vipera berus) in der Tschechischen Republik, Foto kuratiert von MF Photo via Adobe Stock.]