Malven-Langhornbiene
Wandern wir ein paar Wochen in der Zeit zurück … Wenn im Spätsommer die Malvenblüten in Rosatönen leuchten, summt dann und wann eine kostbare Besucherin um sie herum – die Malven-Langhornbiene (Tetralonia macroglossa). Sie gehört zu den seltensten Wildbienen in unseren Landen. Ohne Malvengewächse gäbe es sie nicht, denn sie ist streng auf diese spezialisiert. Die Weibchen sammeln ausschließlich Pollen von der Rosen-Malve (Malva alcea) und von der Moschus-Malve (Malva moschata). Diese Bindung ist ein faszinierendes Beispiel für die enge »Abstimmung« zwischen Pflanzen und ihren Bestäubern.
Mit einer Körperlänge von elf bis 13 Millimetern zählt die Malven-Langhornbiene zu den stattlicheren Arten ihrer Familie. Die Männchen sind sofort an ihren auffällig langen Fühlern zu erkennen, ein typisches Merkmal der Langhornbienen. Die Weibchen dagegen tragen an ihren Hinterbeinen dichte, verzweigte Sammelhaare, mit denen sie die großen, klebrigen Pollenkörner der Malven effizient aufnehmen. Ihr sanft goldbrauner Schimmer – bedingt durch ihre Behaarung – und der ruhige, zielgerichtete Flug lassen sie fast majestätisch erscheinen.
Leben & Fortpflanzung
Die Malven-Langhornbiene bevorzugt warme, offene Lebensräume mit lockeren Böden, zum Beispiel Ruderalstellen, Lösslehmhänge, Sandgruben oder Binnendünen. Selbst in naturnahen Gärten kann sie vorkommen, sofern dort ihre Futterpflanzen wachsen. Ihre Nester gräbt sie in sandige oder lehmige Böschungen. Gern nistet sie in Gruppen mit bis zu hundert Nachbarinnen, oft über mehrere Jahre hinweg an derselben Stelle. Alte Gänge verwendet sie wieder.
Von Mitte Juli bis Ende September ist die Malven-Langhornbiene aktiv. Während dieser Zeit fliegen die Weibchen unermüdlich zwischen Malvenblüten und ihren Nestern hin und her. Nach Abschluss der Brutentwicklung überwintern die Larven als Ruhelarven im Boden, bis sie im folgenden Sommer schlüpfen. Ähnlich zu zahlreichen anderen Wildbienenarten hat auch die Malven-Langhornbiene einen parasitischen Begleiter: die Filzbiene Epeolus tristis. Diese legt ihre Eier in die Brutzellen der Malven-Langhornbiene, sodass deren sorgfältig angelegte Vorräte der parasitischen Brut zugutekommen. In Deutschland konnte Epeolus tristis bisher jedoch nicht nachgewiesen werden.
So unterstützt du die Malven-Langhornbiene
Wer der Malven-Langhornbiene helfen möchte, kann mit einfachen Mitteln viel bewirken: Pflanze heimische Malvenarten wie Rosen- und Moschus-Malve. Beide eignen sich auch ganz wunderbar als Teepflanzen! Schaffe offene, sonnige Bodenstellen und verzichte auf Pestizide. Auch Trockenmauern, sandige Wegränder oder kleine Böschungen sind wertvolle Nistplätze.
Wer verblühte Stängel stehen lässt und erst im Frühling zurückschneidet, bietet zusätzlichen Unterschlupf für zahlreiche weitere Insekten. Mit ihrer eleganten Erscheinung und ihrer engen Bindung an die Malvenpflanzen steht diese Wildbiene sinnbildlich für die empfindliche Balance in unseren Ökosystemen. Jede Pflanze zählt und mit ihr die Biene, die auf sie angewiesen ist.
Weitere Tipps, wie du bienenfreundliche Strukturen gestalten kannst, findest du unter anderem in den von mir vorgestellten Büchern »Gartenmomente: Bienen- und insektenfreundlich gärtnern«, »Wildnis im Garten« und »Auf ins Beet! 30 wilde Gartenideen für Radieschenräuber und Bienenretter« oder online unter Deutschland summt und Wir tun was für Bienen.

Steckbrief
- Lateinischer Name: Tetralonia macroglossa ILLIGER, 1806
- Flugzeiten: Juli bis September
- Lebensraum: vegetationsarme, ebene Flächen, schwach geneigte Böschungen, Steilwände, offene, sonnige Habitate
- Nahrung: spezialisiert (oligolektisch)
- Nistweise: nistet in selbstgegrabenen Hohlräumen in der Erde
- Kuckucksbiene: Epeolus tristis (nicht in Deutschland nachgewiesen)
- Gefährdung: extrem selten
- Besonderheiten: nistet oft in kleinen Gruppen mit bis zu 100 Nestern
Bienenliteratur
- Amiet, Felix & Krebs, Albert: Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung. Haupt Verlag, Bern 2012.
- Bellmann, Heiko & Helb, Matthias: Bienen, Wespen, Ameisen. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
- Hemmer, Cornelis & Hölzer, Corinna: Wir tun was für Bienen. Wildbienengarten, Insektenhotel und Stadtimkerei. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
- Løken, Astrid: Studies on Scandinavian Bumble Bees (Hymenoptera, Apidae). Norsk ent. Tidsskr. 20: 1–218 1973.
- Michener, Charles Duncan: The Bees of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007.
- Scheuchl, Erwin & Willner, Wolfgang: Wildbienen ganz nah – Die 100 häufigsten Arten schnell und sicher unterschieden. Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim 2024.
- Scheuchl, Erwin & Wolfgang Willner: Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas: Alle Arten im Portrait. Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co., Wiebelsheim 2016.
- Westrich, Paul: Die Wildbienen Deutschlands, 2. Auflage, 1.700 Farbfotos. Ulmer-Verlag, Stuttgart 2019.
- Wiesbauer, H.: Wilde Bienen – Biologie–Lebensraumdynamik von über 470 Wildbienen Mitteleuropas, 2. Auflage. Eugen Ulmer KG, Stuttgart 2017.
Sissis Resümee
Die Malven-Langhornbiene (Tetralonia macroglossa) ist für mich ein absolutes Paradebeispiel dafür, wie faszinierend und zugleich fragil die Netzwerke in unserer Natur sind. Ohne Malven keine Malven-Langhornbiene – so einfach, so radikal. Das verstehen auch schon die Kleinsten.
Wenn ich an unsere eigenen Malven im Garten denke, bin ich mir fast sicher, dass diese charmante Biene mit den langen Fühlern auch bei uns schon regelmäßig zu Gast war. Das Büffet ist also gedeckt! Was mir allerdings immer noch ein wenig Kopfzerbrechen bereitet, ist die Wohnsituation. Da sie als bodenbrütende Art auf offene, sandige oder lehmige Stellen angewiesen ist, kann ich ihr aktuell leider noch keine optimalen Nistplätze anbieten – mein Boden ist einfach zu dicht bewachsen oder zu »fertig«. Aber wer weiß? Mit dem geplanten Umzug steht ja ein neues Gartenkapitel bevor. Da werde ich definitiv darauf achten, ein paar sonnige Sandlinsen für sie einzuplanen. Gut zu wissen: Sandlinsen funktionieren auch prima im Topf!
Die Malven-Langhornbiene liefert übrigens das beste Argument für eine Praxis, die ich schon lange verfolge und für die man von »ordentlichen« Gärtnern oft schief angeschaut wird: Nicht umgraben! Wenn wir im Herbst oder Frühjahr den Boden in den Blumenbeeten wenden, zerstören wir unwissentlich unzählige Nester und Überwinterungsquartiere einer Vielzahl Insekten. Genau deshalb habe ich schon vor Ewigkeiten entschieden: Der Spaten bleibt im Schuppen! Nur unsere Hochbeete werden sanft mit Werkzeugen bearbeitet, ansonsten wird bei uns lediglich unerwünschtes Beikraut gezupft. Das schont das Bodenleben, erhält die Struktur und rettet – wie wir jetzt wissen – vielleicht genau dieser seltenen Biene das Leben.
Auch in Österreich und der Schweiz ist die Malven-Langhornbiene ein seltenes Juwel. In Österreich findet man sie vor allem in den wärmebegünstigten Regionen und in der Schweiz gilt sie ebenfalls als gefährdet und kommt primär in den warmen Tälern wie dem Wallis oder im Tessin vor. Sie ist also im gesamten deutschsprachigen Raum eine Art, für die wir Verantwortung tragen.
Ein kleiner Wermutstropfen zum Schluss: Mit diesem Porträt der Malven-Langhornbiene endet eine Ära. Die Stiftung für Mensch und Umwelt stellt ihre wunderbare Reihe zur »Wildbiene des Monats« ein. Das macht mich ehrlich gesagt traurig, denn diese monatlichen Highlights waren immer eine tolle Inspiration. Aber wir wären nicht wir, wenn wir jammern würden, oder? Stattdessen nutzen wir das als Chance für einen Neustart! Wir werden die Gelegenheit ergreifen, unsere älteren Porträts mit neuem Wissen aufzufrischen, zu überarbeiten und uns dann neuen spannenden Themen aus der Insektenwelt zuzuwenden. Es gibt da draußen noch so viel zu entdecken – bleiben wir neugierig!
XOXO
Sissi
[Quelle: Stiftung für Mensch und Umwelt und eigene Recherche. Grafik: Dominik Jentzsch via Stiftung für Mensch und Umwelt. Fotos: Schlafgemeinschaft von zwei Männchen der Malven-Langhornbiene (Tetralonia macroglossa) in der Blüte einer Moschus-Malve (Malva moschata), fotografiert von Roland Günter.]