Linien-Maskenbiene
Zwischen warmem Sand und lichten Waldrändern fliegt sie leise umher – kaum größer als ein Stecknadelkopf, das Gesicht gezeichnet wie mit feinen Pinselstrichen: die Linien-Maskenbiene (Hylaeus lineolatus). Die Weibchen zeigen markante gelbweiße Gesichtsstreifen, die Männchen trapezförmige weiße Gesichtsflecken. Maskenbienen gehören zu den kleinsten heimischen Wildbienen. So erreicht die Linien-Maskenbiene eine maximale Körpergröße von nur sechs Millimetern.
Unsere Wildbiene des Monats liebt das mediterrane Flair. Sie besiedelt gern sonnige, offene Flächen ohne dichte Vegetation wie etwa Binnendünen, Sandrasen, aufgelassene Sand- und Kiesgruben und besonnte Waldränder. Ihre Nester baut sie in natürlichen Hohlräumen von trockenen Pflanzenstängeln, darunter dürre Brombeerranken und Schilf.
Besonders spannend ist, dass sie auch sogenannte Eichengalläpfel als Nistplatz nutzt. Das sind kugelige, holzige Wucherungen an Eichen, welche zum Beispiel die Schwammkugelgallwespe (Andricus kollari) hinterlässt. Wenn diese kleinen Wespen ausgezogen sind, bleiben die Gallen als leere Hohlräume zurück. Jede Brutzelle versorgt die Maskenbiene mit einem Pollen-Nektar-Vorrat und verschließt sie anschließend. Die kleine Biene ist von Juni bis in den September hinein unterwegs, um ihrem Brutgeschäft nachzugehen. Es wird angenommen, dass sie zwei Generationen im Jahr hervorbringt.
Lebensweise
Maskenbienen sammeln Pollen in ihrem Kropf anstatt auf ihrem Körper, da sie keine Haarstrukturen zum Transport haben. Diese Methode erlaubt es ihnen, den Pollen sicher im Inneren zu transportieren und direkt in ihre Nester zu tragen, wo er den Larven als Nahrung dient.
Die Linien-Maskenbiene sammelt vor allem an Blüten aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Häufig besucht sie auch Rainfarn (Tanacetum vulgare) , Margerite (Leucanthemum vulgare), Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium) und Färberkamille (Anthemis tinctoria). Gelegentlich fliegt sie auch weitere Korbblütler wie die Acker-Hundskamille (Anthemis arvensis) oder Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa) an. Den Pollen erntet sie unter anderem, indem sie gezielt Staubfäden berührt.

So kannst du helfen
Die Linien-Maskenbiene ist selten und gilt vielerorts als gefährdet oder gar als vom Aussterben bedroht. In den meisten deutschen Bundesländern fehlen dazu jedoch belastbare Zahlen, sodass hier keine Einschätzung ihrer Bestände vorgenommen werden kann. Um dieser und anderen heimischen Wildbienenarten einen Lebensraum anzubieten, können wir selbst aktiv werden. Schon kleine Bereiche mit heimischen Korbblütlern und etwas Totholz oder markhaltigen Stängeln im Garten oder auf dem Balkon helfen dieser seltenen Maskenbiene.
Weitere Tipps, wie du bienenfreundliche Strukturen schaffst, findest du unter anderem in den von mir vorgestellten Büchern »Mein Insektenparadies«, »Wer Schmetterlinge liebt, muss Raupen füttern«, »Biene sucht Balkon«, »Gartenmomente: Bienen- und insektenfreundlich gärtnern«, »Wildnis im Garten« und »Auf ins Beet! 30 wilde Gartenideen für Radieschenräuber und Bienenretter« oder auch online unter Deutschland summt und Wir tun was für Bienen. Schau einfach mal rein!
Steckbrief
- Lateinischer Name: Hylaeus lineolatus SCHENCK, 1861
- Flugzeiten: Juni bis September
- Lebensraum: Binnendünen, Sandrasen, aufgelassene Sandgruben, Kalkmagerrasen, besonnte Waldränder
- Nahrung: unspezialisiert (polylektisch)
- Nistweise: nistet oberirdisch
- Kuckucksbiene: unbekannt
- Gefährdung: in Deutschland Gefährdung unbekannten Ausmaßes; in Bayern gefährdet, in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht
- Besonderheiten: selten, möglicherweise zwei Generationen im Jahr
Bienenliteratur
- Amiet, Felix & Krebs, Albert: Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung. Haupt Verlag, Bern 2012.
- Bellmann, Heiko & Helb, Matthias: Bienen, Wespen, Ameisen. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
- Hemmer, Cornelis & Hölzer, Corinna: Wir tun was für Bienen. Wildbienengarten, Insektenhotel und Stadtimkerei. Kosmos Verlag, Stuttgart 2017.
- Løken, Astrid: Studies on Scandinavian Bumble Bees (Hymenoptera, Apidae). Norsk ent. Tidsskr. 20: 1–218 1973.
- Michener, Charles Duncan: The Bees of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007.
- Scheuchl, Erwin & Willner, Wolfgang: Wildbienen ganz nah – Die 100 häufigsten Arten schnell und sicher unterschieden. Quelle & Meyer Verlag, Wiebelsheim 2024.
- Scheuchl, Erwin & Wolfgang Willner: Taschenlexikon der Wildbienen Mitteleuropas: Alle Arten im Portrait. Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co., Wiebelsheim 2016.
- Westrich, Paul: Die Wildbienen Deutschlands, 2. Auflage, 1.700 Farbfotos. Ulmer-Verlag, Stuttgart 2019.
- Wiesbauer, H.: Wilde Bienen – Biologie–Lebensraumdynamik von über 470 Wildbienen Mitteleuropas, 2. Auflage. Eugen Ulmer KG, Stuttgart 2017.
Sissis Resümee
Ein Hauch von H. R. Giger’s biomechanischer Ästhetik, winzig klein und doch makellos: So stelle ich mir die Linien-Maskenbiene vor, wenn sie in ihrem schwarz-golden schimmernden »Look« durch die sonnigen Binnendünen und Kalkmagerrasen Deutschlands fliegt. Vielleicht ist sie dir sogar schon begegnet, unscheinbar für das bloße Auge und kaum von anderen winzigen Wildbienen zu unterscheiden, die unsere Gärten bevölkern. Mit ihren zarten Linien im Gesicht wirkt sie wie ein kleines Kunstwerk der Natur.
Die Linien-Maskenbiene ist selten und auch wenn sie in den meisten deutschen Bundesländern als gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht gilt, fehlt es an belastbaren Daten, um ihre Bestände genau einzuschätzen. Aus Österreich und der Schweiz liegen derzeit meines Wissens ebenfalls keine fundierten Forschungsergebnisse über ihren Status vor.
Dennoch können wir für diese einzigartige Wildbiene aktiv werden: Mit ein paar heimischen Korbblütlern und anderen Wildpflanzen, hohlräumigen Pflanzenstängeln sowie etwas Totholz in deinem Garten oder auf dem Balkon schaffst du ein kleines Refugium, das dieser Maskenbiene und anderen Wildbienen hilft, zu überleben.
Wir sehen uns im Garten!
XOXO
Sissi
[Quelle: Stiftung für Mensch und Umwelt und eigene Recherche. Grafik: Dominik Jentzsch via Stiftung für Mensch und Umwelt. Artikelbild: Weibchen der Linien-Maskenbiene (Hylaeus lineolatus) während der Nahrungsaufnahme auf einem Berg-Sandglöckchen (Jasione montana), fotografiert von Roland Günter.]