Nachts am Hafenbad »Kalvebod Bølge«

Kurztrip nach Kopenhagen

Manchmal musst du nicht um die halbe Welt fliegen, um den Kopf freizubekommen. Du kaufst eine Fahrkarte Richtung Norden, nimmst eine wunderbare Begleiterin mit und reist einfach los. Während schwedische Ärzte heute tatsächlich Ruhe auf Rezept verordnen, packten meine Freundin Cathrin und ich im Dezember lieber unsere Taschen und fuhren spontan nach Kopenhagen.

Im warmen Abteil ratterte der Zug im Takt unserer Gespräche. Am Ziel füllte frostige, klare Winterluft unsere Lungen. Abends spiegelten sich die Lichterketten der vorbeigleitenden Kajaks im dunklen Kanalwasser. Genau dort vergaß ich alle täglichen Pflichten. Wir Frauen heilen uns auf solchen gemeinsamen Reisen gegenseitig.

Begleite mich auf dieser kurzen Flucht! Schmecke den warmen, nach Zimt duftenden dänischen Reisbrei auf der Zunge und spüre, wie tief du hier am Meer wieder atmen kannst.

Auszeit vom Alltag

Wir fliehen in den hohen Norden

Manchmal lastet der Alltag schwer auf meinen Schultern. Kennst du dieses pochende Rauschen im Ohr? Das Telefon klingelt unaufhörlich, Papiere türmen sich auf dem Schreibtisch und die Zeiger der Uhr drehen sich gnadenlos schnell. Dann sehne ich mich nach kleinen Fluchten – ich will den frischen Wind auf der Haut spüren und den Kopf frei bekommen. Schwedische Ärzte verordnen heute längst kleine »Pausen vom System« auf ihren Rezeptblöcken. Sie schützen den Geist, bevor er müde aufgibt. Cathrin und ich schnürten unsere Reisetaschen also aus purer Vernunft!

Mich trieb die pure Neugier nach Kopenhagen: Auf Instagram leuchteten wochenlang Bilder der dänischen Kajakparade zum Luciafest. Hunderte flackernde Kerzen spiegelten sich dort auf dem tintenschwarzen Kanalwasser. Vielleicht kennst du diese leise, fast spirituelle Magie, die dich sofort verzaubert. Kurze Zeit später entdeckte ich ein unwiderstehliches Reiseangebot: Ich zahlte lediglich rund 100 Euro für die Bahnfahrt ab Harburg und zwei Nächte im warmen Frauenschlafraum einer gemütlichen Herberge. Da zögerte ich keine einzige Sekunde länger.

Meine Tochter winkte dankend ab. Durch kalte Straßen zu laufen, lockt die 13-Jährige momentan überhaupt nicht. Also fragte ich kurzerhand Cathrin. Sie sagte sofort zu, denn ihre Schultern brauchten genauso dringend Entlastung wie meine. Spürst du auch diese wärmende, heilende Kraft, wenn Frauen gemeinsam losziehen? Wir lachen über dieselben Dinge und suchen beide nach ungestörter Ruhe. Im ratternden Waggon genügte oft ein stummes Lächeln und wir verstanden einander wortlos. Ohne jeden Plan starteten wir in zwei unbeschwerte Tage, denn wir wussten, dass Kopenhagen den klirrenden Frost mit hell erleuchteten Gassen und süßem Zimtduft vertreibt.

Ratternd in die nordische Ruhe

Fünf Stunden Fahrt, weite Winterfelder und ein herrlich freier Kopf

Cathrin und ich stiegen an einem trüben Wintertag in Harburg (Niedersachsen) in den Zug. Wie oft Bahnen zuvor ausfielen oder sich verspäteten, verschweige ich dir lieber. Schließlich sanken wir erleichtert in die weichen Polster unseres warmen Abteils.

Mit jedem Kilometer ließen wir den Büroalltag weiter hinter uns. Das sanfte Schaukeln des Waggons wischte unsere Gedanken an Termine und Pflichten einfach fort. Endlich sprachen wir über Themen, die weit über kurze Flurgespräche hinausgingen. Draußen flogen kahle Bäume und weite, frostige Felder vorbei, drinnen redeten wir uns den Kopf frei. Nach gut fünf Stunden quietschten die Bremsen unter dem mächtigen Ziegelgewölbe des Kopenhagener Hauptbahnhofes. Wir schulterten unsere Taschen und atmeten tief durch: Unser dänisches Winterabenteuer lag nun direkt vor uns.

Ankunft in Vesterbrø

Gemütliche Holzkapseln und eisiger Wind am Kanal

Vom Hauptbahnhof spazierten wir in wenigen Minuten in das Viertel Vesterbrø. Dort bezogen wir unsere zwölf Quadratmeter kleine Kammer im »Next House Copenhagen«. Vier hölzerne Schlafkojen stapelten sich platzsparend auf zwei Ebenen. Alles glänzte blitzsauber. Wir teilten das eigene Bad ausschließlich mit Frauen und fühlten uns für die zwei Nächte absolut wohl. In Vesterbrø pulsiert das Leben angenehm leise. Warmer Kaffeeduft strömt aus den einladenden Cafés hinter historischen Klinkern. Direkt daneben drängen sich kleine Läden an moderne, gläserne Bürogebäude.

Wir warfen unsere Taschen auf die Matratzen und liefen direkt hinunter an den Kanal. Schon nach fünf Minuten erreichten wir das markante, hölzerne Hafenbad »Kalvebod Bølge« an der mächtigen Langebro-Brücke. Ein eisiger Wind trieb uns gut eine Stunde am Ufer entlang. Unter dem pechschwarzen Winterhimmel knurrten unsere Mägen vernehmlich. Schließlich retteten wir uns in die wohlige Wärme von »Sam’s Bar«, Dänemarks erster Karaoke-Bar. Dort vertrieben heiße asiatische Streetfood-Gerichte die Kälte aus unseren Gliedern. Gesungen haben wir allerdings nicht.

Freistadt, Gløgg & Reisbrei

Wir verlassen kurz die EU

Am nächsten Morgen spazierten wir hinüber nach Christianshavn. Das maritime Viertel mit seinen schmalen Wasserstraßen erinnert stark an Amsterdam. Dort besuchten wir die berühmte Freistadt Christiania. Anfang der Siebzigerjahre besetzten Menschen dieses verlassene Militärgelände. Sie schufen eigene Gesetze weit abseits des dänischen Staates. Offiziell verlässt du auf diesen Straßen sogar die Europäische Union.

Manche Zeitungsberichte rücken das Viertel in ein kriminelles Licht, weshalb wir das Gelände zunächst zögerlich betraten. Doch keine Angst: Unzählige Reisende schlendern hier genauso friedlich über das Kopfsteinpflaster wie im restlichen Kopenhagen. Kameras bleiben allerdings streng in der Tasche. Nur an wenigen markierten Orten durfte ich auf den Auslöser drücken.

Freistadt Christiania
Freistadt Christiania

Die verschachtelten Gebäude zogen mich sofort in ihren Bann. Bunt bemalte Holzhäuser kleben wild aneinander. Beim Anblick der bunten Dächer dachte ich sofort an die Geschichten von »Karlsson vom Dach«. In verwinkelten Gassen verstecken sich winzige Werkstätten, kleine Hinterhöfe mit versteckten Gärten und staubige Künstlerateliers. Die Menschen leben hier wunderbar eigenwillig und kreativ zusammen.

Wer ohne festes Ziel durch die Straßen streift, setzt sich irgendwann unweigerlich gemütlich an einen Tisch. Wir bestellten uns am frühen Nachmittag im kleinen »Café Oven Vande« direkt am Wasser zwei dampfende Tassen Gløgg. Das heiße Getränk kostete zwar ein kleines Vermögen, schmeckte aber himmlisch nach süßen Gewürzen. Der erste Gløgg meines Lebens und sicherlich nicht der letzte!

Später schlenderten wir hungrig in das Lokal »Grød«. Wir löffelten warmen dänischen Reisbrei, tranken scharfe Ingwerlimonade und blieben bei krustigem Sauerteigbrot bis tief in den Nachmittag hinein sitzen. Bevor wir aufbrachen, kaufte ich dort das hauseigene Kochbuch als Andenken. Inzwischen sorgt es in der Küche eines lieben Menschen für dänische Kochexperimente und einen glücklich gefüllten Magen.

Heißer Gløgg mit Rosmarin
Heißer Gløgg mit Rosmarin

Lucia-Kajaks auf den Kanälen

Winterliches Lichtermeer

Nach gut 13.000 Schritten gönnten wir unseren Beinen eine kurze Pause in unseren Holzkapseln. Doch die Ruhe hielt nicht lange an, denn das eigentliche Herzstück unserer Reise stand bevor: die Kajakparade zum Luciafest. Was einst als kleine Idee einiger Paddler begann, hat sich zu einem leuchtenden Spektakel auf dem Wasser entwickelt. Geschmückt mit Lichterketten und Tannengrün ziehen die Boote durch die Wasserstraßen der Innenstadt. Wir sicherten uns rechtzeitig einen Platz am Ufer, doch Geduld war gefragt. Der Zeitplan der Dänen geriet an diesem Abend ordentlich ins Wanken – vielleicht war der ein oder andere Gløgg an Bord der Grund, warum sich das Lichtermeer mit fast einer Stunde Verspätung durch die Dunkelheit schob?

Wir drängten uns mit Hunderten anderen Menschen auf die Brücke am »BLOX«. Unter uns glitten die Kajaks lautlos aus Richtung Holmen heran. Ein funkelndes Band aus Lichterketten und Kerzen schnitt durch das dunkle Wasser der Kanäle und zog weiter Richtung Innenstadt. Auch am gegenüberliegenden Ufer standen die Menschen dicht an dicht, die Gesichter vom warmen Schein der Boote beleuchtet.

Als die Kajaks direkt unter uns am »BLOX« hielten, legte sich eine fast unwirkliche Stille über die Stadt. Die Musik blieb fern, nur ein leises, fremdes Lied wehte zu uns herauf. Es war völlig nebensächlich, die Melodie zu kennen – dieser kurze Moment, kaum zehn Minuten lang, fühlte sich absolut andächtig an. Es ist faszinierend, wie tief einen ein solches Erlebnis berühren kann. Ein Gefühl tiefer Zufriedenheit stellte sich ein, das bis weit nach dem Abendessen anhielt. Kennst du das? Dieses seltene Wissen am Ende eines Tages, jede einzelne Minute genau richtig genutzt zu haben?

Kayakparade zu Santa Lucia
Kayakparade zu Santa Lucia

Rosenborg & Smørrebrød

Dänische Kultur bis zum Schluss

Am Tag unserer Abreise schlenderten wir ein letztes Mal durch die Stadt zum Schloss Rosenborg. Wir verzichteten auf die Prunkräume und stöberten stattdessen lieber nach kleinen Andenken. Draußen im Schlossgarten bewunderten wir die barocken Fassaden der Rosenborg-Kasernen. Wo früher die königliche Leibgarde schlief, bereiten sich heute noch immer die Wachmänner auf ihre feierlichen Einsätze vor.

Schloss Rosenborg
Schloss Rosenborg

Hungrig steuerten wir danach die »Torvehallerne« an, eine riesige Markthalle für Genießer. Am Stand von »Hallernes« ließen wir uns ein frisches Smørrebrød schmecken. Die Auswahl verschlug uns fast die Sprache: dunkles, kräftiges Brot, darauf kunstvoll geschichteter Fisch, zartes Fleisch und knackiges Gemüse, gekrönt von frischen Kräutern und cremigen Soßen. Ob die Dänen ihr Nationalgericht immer genau so anrichten, weiß ich nicht – aber ich würde jeden einzelnen Bissen sofort wieder genau so genießen! Wir ließen uns noch ein wenig treiben, saugten die trubelige Stimmung zwischen den Marktständen auf und stiegen schließlich spontan einen Zug früher als geplant in Richtung Heimat.

Smørrebrød
Smørrebrød

3 Tipps für deine Auszeit in Kopenhagen

Und wie du umweltbewusst reisen kannst

Nachhaltig im Norden ankommen

Kaum eine andere Stadt erreichst du mit der Bahn so bequem wie Kopenhagen. Von Norddeutschland aus sitzt du nur rund fünf Stunden im Zug. Du sparst dabei im Vergleich zum Flugzeug eine beachtliche Menge an klimaschädlichem CO₂. Viel wichtiger ist jedoch: Die Fahrt schenkt dir wertvolle Zeit für echte, tiefe Gespräche mit deiner Begleitung. In Dänemark beginnt der Urlaub bereits auf den Schienen. Die Züge sind modern, du hast viel Platz und spürst sofort diese ganz besondere, nordische Geborgenheit.

Lokal, frisch und ökologisch

In Kopenhagen gehört der bewusste Genuss ganz natürlich zum Alltag. Ob in den Markthallen bei Nørreport oder in Lokalen wie dem »Grød« – überall landen erstklassige Erzeugnisse aus dem Umland auf den Tellern. Das klassische Smørrebrød oder der wärmende Reisbrei schmecken so gut, weil die Zutaten oft direkt von regionalen Höfen stammen. Die Stadt macht es einem leicht, nachhaltig zu genießen. Ein kleiner Tipp für alle Kaffeeliebhaber: Viele Cafés geben dir einen Rabatt auf dein Getränk, wenn du deinen eigenen Mehrwegbecher über den Tresen reichst.

Grüne Wege durch die Stadt

In Kopenhagen gehört das Fahrrad zum Stadtbild wie der Wind zum Meer. Über die Hälfte aller Wege legen die Bewohner auf zwei Rädern zurück – ein Rekordwert, mit dem sich die Stadt nur mit Amsterdam messen muss.

Wer die Perspektive wechseln möchte, gleitet mit elektrisch betriebenen und damit lautlosen Booten durch die Kanäle. Besonders beeindruckend ist die Initiative »Green Kayak«: Hier darfst du völlig kostenlos in See stechen und die Stadt vom Wasser aus erkunden. Deine einzige Aufgabe ist es, während der Fahrt Plastikmüll aus den Kanälen zu fischen. So verbindest du dein eigenes Abenteuer direkt mit einem wertvollen Beitrag für eine saubere Umwelt.

Was von Kopenhagen bleibt

Das Gefühl, innerlich aufgetankt zu haben

Die Vorweihnachtszeit in Kopenhagen ist wohltuend leise. Wenige Lichter, kaum Lärm und viel Raum zum Atmen. Die Stille auf den Straßen liegt nicht nur an den vielen Elektroautos; auch die Menschen selbst strahlen eine beneidenswerte Gelassenheit aus.

Unsere Reise brauchte kein straffes Programm. Die Mischung aus eigenwilligen Vierteln, weiten Wasserwegen und winterlicher Ruhe reichte völlig aus. Vor allem aber hat das Wochenende gezeigt, wie wichtig die gemeinsame Zeit mit einer Freundin ist. Man hört einander wieder richtig zu und lacht über Dinge, die im Alltag längst untergegangen sind.

Wer ein Ziel sucht, das leicht erreichbar ist und sofort Abstand zum Alltagstrott schafft, für den ist Kopenhagen im Winter ideal. Ich nehme ein ganz besonderes Andenken mit nach Hause, das mir meine Reisebegleiterin im Schlossgarten schenkte: Eine kleine goldene Krone baumelt nun an meinem Rückspiegel. Sie erinnert mich jeden Tag daran, dass wir uns ruhig öfter wie eine Königin fühlen dürfen.

XOXO

Anna

[Artikelbild: Nachts am Hafenbad »Kalvebod Bølge«. Fotos: Anna Möller.]