Im Reich der Biber

Im Reich der Biber

Graue Wolken hängen tief über dem Ufer des Saubachs in Kreuzlingen, während feiner Nieselregen mein Gesicht benetzt. Es ist Samstagmorgen, das Thermometer kämpft mit dem Nullpunkt und eigentlich gehöre ich um diese Zeit mit einem heißen Kaffee aufs Sofa. Stattdessen stecke ich bis zu den Knöcheln im Matsch und starre erwartungsvoll auf ein wintertrübes Gewässer. Die Mission: Ich will den Baumeister der Wildnis treffen. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe und unserer Exkursionsleiterin Moni begebe ich mich beim WWF-Event »Im Reich der Biber« auf Spurensuche. Die Kälte kriecht langsam durch meine Jacke, doch die Neugier wärmt. Werden wir den scheuen Nager heute tatsächlich zu Gesicht bekommen?

Spurensuche am Saubach

Moni dämpft unsere Erwartungen gleich zu Beginn. Biber sind dämmerungs- und nachtaktiv und meiden das Tageslicht meist konsequent. Doch wer genau hinsieht, entdeckt ihre Gegenwart überall. Helle, frisch geschälte Holzspäne leuchten uns wie Wegweiser entgegen. Wir folgen der Fährte am Ufer des Saubachs und stoßen immer wieder auf gefällte Bäume. Ein Weidenstamm zeigt die typische Sanduhrform – das Werk der gewaltigen gelborangen Nagezähne. Ohne das Tier selbst zu sehen, spüre ich seine Kraft. Dieses Ufer lebt, es wird gestaltet, umgebaut und geflutet. Schnell begreife ich, warum der Biber den Ruf als fleißiger Holzfäller genießt.

Anhand der Spuren erklärt uns Moni, wie der Biber in seinem verborgenen Bau lebt und wie sein Familienverband funktioniert. Ich erfahre spannende Details über die vielseitige Kelle, wie der Biberschwanz genannt wird. Dieser schuppige, flache Schwanz ist das ultimative »Multifunktionswerkzeug« des Bibers. Im Wasser dient die Kelle primär als kraftvolles Ruder. Damit manövriert der Schwimmer präzise durch die Strömung. Wittert er Gefahr, wird der flache Schwanz zur Alarmanlage: Der Nager klatscht die breite Fläche mit enormer Wucht auf die Wasseroberfläche. Der peitschende Knall warnt die gesamte Familie, die sofort abtaucht.

Doch auch an Land erfüllt der Schwanz unverzichtbare Aufgaben. Beim Aufrichten an Bäumen fungiert die Kelle als stabiler Hocker. Der Biber stützt sich darauf ab wie auf einem dritten Bein, um entspannt und sicher in der Höhe zu nagen. Auch der Nachwuchs nimmt gern darauf Platz. Außerdem dient die Kelle als lebenswichtiger Energiespeicher. In der dicken Lederhaut lagert der Biber nämlich Fettreserven für den kargen Winter ein. Im Sommer hingegen funktioniert die Kelle wie eine Klimaanlage: Über die unbehaarte Oberfläche gibt das Tier überschüssige Körperwärme ab und schützt sich so vor Überhitzung.

Biber (Castor fiber) in seiner natürlichen Umgebung
Biber (Castor fiber) in seiner natürlichen Umgebung | Foto: Tom

Exkurs: Bibergeil

Neben viel anderem Wissenswerten über Biber erfahren wir auch etwas über die Geschichte vom Bibergeil (Castoreum) und dürfen sogar daran schnuppern. Bibergeil hat nichts mit »geilen Bibern« zu tun und ist auch kein Aphrodisiakum für Menschen. Es handelt sich vielmehr um ein einst sehr begehrtes Sekret aus Drüsensäcken des Bibers (Castorbeutel), das dieser in der Natur zur Fellpflege und zur Markierung seines Reviers nutzt. Die gelblich-braune, harzartige Substanz hat einen sehr intensiven, herben Geruch und ist mit verantwortlich dafür, dass die Spezies in der Vergangenheit fast ausgerottet wurde.

Früher war Bibergeil eine Art »natürliches Aspirin«, heute ist es vor allem ein Kuriosum der Parfüm- und Aromengeschichte, das meist durch künstliche Stoffe ersetzt wird. Werfen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit und sehen uns an, wozu es verwendet wurde:

  1. Medizin: Bis ins 19. Jahrhundert war Bibergeil ein sehr teures und geschätztes »Wundermittel«. Da Biber viel Weidenrinde fressen, reichert sich in dem Sekret Salicylsäure an, der Wirkstoff, der heute in Aspirin und Co. enthalten ist. Daher wirkte es tatsächlich schmerzlindernd, krampflösend und entzündungshemmend. Man nutzte es gegen Kopfschmerzen, Fieber oder Menstruationsbeschwerden. Heute findet es fast nur noch in der Homöopathie Anwendung. Und ich will lieber gar nicht darüber nachdenken, woher Heilpraktiker ihren »Stoff« beziehen …
  2. Parfümindustrie: Aufgrund seines ledrigen, animalischen Duftes, der an Moschus erinnert, wurde Bibergeil teuren Parfüms beigemischt. Es diente dort auch als Fixateur, damit der Duft länger auf der Haut hält. Heutzutage wird diese Note meist synthetisch hergestellt. So oder so macht es einmal mehr Sinn, sich mit den Inhaltsstoffen von Kosmetika zu beschäftigen. Denn ganz ehrlich: Wer will sich schon Drüsensekrete des Bibers auf die Haut sprühen? Ich jedenfalls nicht!
  3. Lebensmittel: In seltenen Fällen, vor allem in den USA, wird Bibergeil noch immer als natürlicher Aromastoff verwendet, um Vanille-, Erdbeer- oder Himbeeraromen zu verstärken oder zu imitieren. In Europa ist sein Einsatz in Lebensmitteln heute aber eher unüblich und spielt kaum eine Rolle. Zum Glück! Denn das dürfte nicht nur Veganer, sondern vor allem auch den Biber freuen.

Unvorstellbar, was wir Menschen alles mit der Tierwelt anstellen, um sie zu »nutzen«. Noch unvorstellbarer, dass der Biber fast aus unserer Landschaft verschwunden wäre. Doch heute haben wir Glück: Moni führt uns zu einer sogenannten Biberrutsche. Der ersten von vielen. Glatt geschliffen vom massigen Körper des Tieres, führen diese Matschbahnen direkt vom Ufer ins sichere Wasser. Daneben liegen weitere frische Holzspäne, hell und duftend. Wenige Schritte später stehen wir vor einer Biberburg aus Ästen und Schlamm und staunen über diese bautechnische Meisterleistung, die ganz ohne Plan und Mörtel hält.

Eindeutig ein Nagetier und kein Fisch!
Eindeutig ein Nagetier und kein Fisch! | Foto: Bouke

Rückkehrer mit Schutzstatus

Während wir über den feuchten Boden stapfen, liefert Moni spannende Hintergründe zur politischen Lage. Vor gut hundert Jahren galt der Biber in der Schweiz als ausgerottet, gejagt auch wegen seines Pelzes und Fleisches. Fleisch? Ja, denn im Mittelalter machte der Hunger die Menschen erfinderisch.

Die strengen Fastenregeln der katholischen Kirche verboten über Wochen hinweg den Verzehr von Fleisch warmblütiger Landtiere. Fisch hingegen war erlaubt. In dieser kulinarischen Notlage geriet der Biber ins Visier der findigen Mönche und Gelehrten. Der Nager verbringt sein halbes Leben im Wasser. Sein auffälligstes Merkmal, die Kelle, ist flach, unbehaart und mit hornigen Schuppen bedeckt. Das reichte den damaligen Theologen als Beweis. Sie definierten den Biber kurzerhand um. Aufgrund seines Lebensraumes und der schuppigen Kelle galt er kirchenrechtlich als »Fisch« – oder zumindest als dem Fisch gleichgestelltes Wasserwesen. Da kann ich nur sagen: Arme Biber!

Einige Quellen verweisen sogar auf das Konzil von Konstanz (1414–1418), das diese Einordnung offiziell bestätigt haben soll. Dieser fromme Betrug war ein Segen für die Klosterküchen. Biberfleisch ist sehr fettreich und lieferte in den kargen Fastenwochen dringend benötigte Kalorien. Wer Biber aß, sündigte also nicht, er hielt sich nur an eine ausgesprochen kreative Auslegung der Biologie.

Heute leben dank erfolgreicher Wiederansiedlung wieder rund 4.900 Tiere in den Schweizer Gewässern. Seit 2022 steht der Nager zwar nicht mehr auf der Roten Liste, genießt aber weiterhin landesweiten Schutz. Das freut Naturschützer, ärgert jedoch manche Landwirte, wenn Felder unter Wasser stehen oder der Traktor im unterhöhlten Boden einsinkt. Der Biber polarisiert, weil er Landschaft beansprucht, genau wie wir.

Steckbrief des Bibers

  • Größe: Körper 80 bis 95 Zentimeter, Kelle 20 bis 35 Zentimeter.
  • Gewicht: 18 bis 25 Kilo; Weibchen wiegen mehr als Männchen.
  • Lebenserwartung: bis zu 17 Jahren.
  • Nahrung: Rinde, Knospen, Blätter, Kräuter, Wasserpflanzen.
  • Nachwuchs: zwei bis vier Junge pro Jahr; diese kommen mit Fell und offenen Augen zur Welt.

Kälte, Matsch und ein neuer Blick

Zwei Stunden vergehen wie im Flug. Meine Finger sind trotz der von Markus ausgeliehenen Handschuhe klamm, die Schuhe schmutzig. Ein echter Biber hat sich heute nicht gezeigt. Enttäuscht? Keineswegs! Die Natur ist kein Zoo und genau das macht ihren Reiz aus. Ich habe gelernt, den Saubach mit anderen Augen zu sehen. Jeder geknickte Zweig, jeder Asthaufen erzählt jetzt eine Geschichte von Überleben und Anpassung. Diese Exkursion hat meinen Blick geschärft für die kleinen Zeichen, die wir im hektischen Alltag oft übersehen.

Sissis Resümee

Ich werde weiter nach dem Biber Ausschau halten. Allein, mit Freunden und zu unterschiedlichen Tageszeiten. Auch der WWF Schweiz plant bereits für 2026 weitere Touren in die Reviere dieser faszinierenden Nagetiere. Dann vielleicht bei etwas freundlicherem Wetter oder in der Dämmerung, wenn die Chancen auf eine Begegnung steigen. Bis dahin genügt mir das Wissen, dass die Biber da draußen sind. Sie nagen, bauen und gestalten unsere wilden Flusslandschaften, während wir schlafen. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, tauscht warme Füße gern gegen echte Wildniserfahrungen. Ein fairer Tausch, wie ich finde.

Du bist ebenfalls auf der Suche nach den besten Biber-Spots in den Kantonen Thurgau und St. Gallen? Dann pack dein Fernglas ein und begib dich auf Spurensuche! Gleich zwei offizielle Lehrpfade warten auf dich: Der Biberpfad Pfyn ist ein Klassiker. Mitten in den Thurauen liegt ein echtes Eldorado für Naturliebhaber. Auf dem rund vier Kilometer langen Rundweg ab der Postautohaltestelle »Pfyn, Biberpfad« erfährst du an zehn Stationen alles über die Rückkehr der Tiere. Der Weg ist mehrheitlich flach und sogar kinderwagentauglich. Ein erfrischender Sprung in den Naturweiher Frankrichli rundet im Sommer den Ausflug ab.

Der Biberpfad Oberbüren-Niederbüren wurde erst vor Kurzem vom WWF St. Gallen komplett saniert und modernisiert. Er verläuft idyllisch entlang der Thur zwischen der Thurhofbrücke und der Holzbrücke in Niederbüren. Neben neuen Infotafeln warten hier echte Highlights auf den Nachwuchs: Eine Biberrutsche und ein begehbarer Biberbau machen das Leben der Tiere körperlich erfahrbar. Auch dieser Weg eignet sich perfekt für Familien mit Kinderwagen.

Wer abseits der Lehrpfade nach gefällten Bäumen und Biberdämmen Ausschau halten will, findet hier gute Chancen: Rund um den Nussbaumersee und Hüttwilersee im Seebachtal liegen historische Bibergründe. Dort wurden 1968 die ersten Tiere ausgesetzt und die Populationen sind bis heute stabil. Achte auf Spuren am Uferweg! Auch im Rheintal am Rheintaler Binnenkanal und entlang der Sitter erobern Biber sich ihren Raum zurück. Die Tiere wandern flussaufwärts und besiedeln immer neue Reviere, sodass du mit ein wenig Glück nicht nur Nagespuren, sondern auch den Biber selbst entdecken kannst.

Nicht unerwähnt bleiben soll das Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld: Wenn es draußen stürmt und schneit, besuchst du den Biber einfach hier. Das Museum bietet einen lebensechten Nachbau eines Biberbaus, in den du sogar hineinkriechen kannst. So kommst du dem scheuen Baumeister ganz nah, ohne nasse Füße zu kriegen.

Wir sehen uns im Reich der Biber!

XOXO

Sissi

[Artikelbild: Biberdamm in einem Bachlauf, der durch einen Auwald fließt. Foto kuratiert von Robert Mertl via Adobe Stock.]