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Hilfe, Flip hat mich gebissen!

Sissi St. Croix
Hilfe, Flip hat mich gebissen!

Das Leben in einer Metropole wie München ist schillernd, spannend und aufregend. Zuweilen sogar ein bisserl zu aufregend, sodass es in den letzten Jahren für mich immer wichtiger geworden ist, Rückzugsorte zu schaffen. Eine meiner liebsten Wohlfühloasen ist mein kleiner Garten. Hier kann ich abschalten vom Stress und dem Lärm der Großstadt, die Natur beobachten, mich selbst spüren und entschleunigen. Manche Menschen fliegen dafür eigens an ferne, exotische Orte. Mir hingegen reichen ein paar Stunden im Garten, um wieder zu mir selbst zu finden. Gestern allerdings wurde meine Ruhe von einem gefräßigen grünen Räuber unterbrochen: Flip, das grüne Heupferd, kam zu Besuch und biss mir in die Hand. Autsch!

Natürlich geschah dies nicht gänzlich unprovoziert. Unsere größte heimische Heuschrecke hat mich schlicht missverstanden und sich verteidigt. Aber fangen wir am Anfang an! Gestern saß ich gemütlich beim Kaffeetrinken mit lieben Menschen auf der Terrasse, als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein großes grünes Etwas an uns vorbei schwirrte und in meinem Stachelbeerbusch verschwand. Wir staunten nicht schlecht …

 

Gestatten? Mein Name ist Flip!

Vorsichtig bogen wir die Zweige des Busches auseinander und da saß er: Flip. So getauft nach dem lustigen Grashüpfer aus der Kinderserie → »Biene Maja«. Mit der Zeichentrickfigur hatte unser Hüpfer jedoch nur die grüne Farbe gemeinsam. Ansonsten ähnelt solch ein grünes Heupferd eher einem urzeitlichen Wesen aus ferner Vergangenheit. Und irgendwie ist es das ja auch, denn mit der invasiven Landwirtschaft sind grüne Heupferde immer seltener geworden. Das letzte Tier habe ich vor zwei, drei Jahren gesehen. Wenn es nicht sogar noch länger her ist.

Neugierig betrachteten wir das grüne Heupferd und stellten schnell fest, das sein rechtes Vorderbein verletzt war. Das Ergebnis eines Vogelangriffs? Ungelenk strauchelte das Tier durch die Stachelbeerblätter. Behutsam wollte ich es aufnehmen, um zu sehen, ob es überlebensfähig war … – da biss es mich mit seinen kräftigen Mundwerkzeugen kurz und schmerzhaft in die Handfläche. Vollkommen verdutzt schreckte ich zurück. Noch nie zuvor hat mich eine Heuschrecke gebissen! Auch ein zweiter Versuch scheiterte kläglich. Also beschloss ich, dem Tierchen seine Ruhe zu lassen, besprenkelte aber einige Zweige in seiner Nähe mit ein wenig Wasser. Nach wenigen Sekunden konnten wir beobachten, wie das Heupferd trank. Anschließend knabberte es ein wenig an den Blättern und schien sich danach auszuruhen. Wir sahen dem grünen Heupferd noch eine ganze Weile zu, bis es nach etwa zwei Stunden in der Hecke verschwand.

 

Flip – ein selten gewordener Gast

Obwohl das in ganz Europa verbreitete grüne Heupferd (Tettigonia viridissima) eigentlich zu unseren häufigsten Heuschreckenarten zählt, bekommen wir es durch den Einsatz von Insektiziden und ähnlichem Unfug der modernen Landwirtschaft immer seltener zu Gesicht. Typischerweise kannst du es an sonnigen Wald- und Wegrändern, auf ungenutzten Grünflächen sowie Brachgeländen mit buschigem Bewuchs entdecken. Als Kulturfolger findest das grüne Heupferd darüber hinaus auch in naturnahen, biologisch bewirtschafteten Gärten, sodass es wohl kein Zufall war, dass Flip ausgerechnet bei uns gelandet ist. Ich wünschte nur, er würde bleiben, denn er ist ein durchaus nützlicher Gartenbewohner: Als Räuber futtert er nämlich gern Insekten und deren Larven, darunter zahlreiche Schädlinge. Pflanzennahrung dient dem grünen Heupferd lediglich als »Beilage«. Hast du das gewusst?

Wie alle Heuschrecken mit langen Fühlern gehört das grüne Heupferd zur Familie der Laubheuschrecken. Was nur insofern interessant ist, als dass der Name in die Irre führt, weil die Art – wie eben erwähnt – nur wenig Laub frisst. Wesentlich interessanter finde ich da schon, dass das grüne Heupferd unsere größte fliegende Heuschrecke ist. Es hat sicher schon so manchen Gassigeher und seinen Hund erschreckt, wenn es plötzlich wie ein kleiner apfelgrüner Hubschrauber aus einer Wildblumenwiese aufstieg. Kicher …

Verwirrend finde ich übrigens die Größenangaben im Internet, ebenso wie in der Fachliteratur: Angeblich werden Männchen 27,5 bis 36 Millimeter und Weibchen 32 bis 42 Millimeter groß. Tjaaa … Da muss unser Flip aber eine Menge mit Energy Drinks abgefüllte Raupen gefuttert haben, denn er war locker acht Zentimeter groß! Andere Beobachter sprechen von ähnlich großen Exemplaren der Art. Ich habe keine Ahnung, ob diese Größenzunahme auf die Erderwärmung zurückzuführen ist oder eine andere Ursache hat. Aber vielleicht kannst du mir das ja sagen?

 

Sissis Resümee

Die gestrige Begegnung mit Flip war ein richtiges Abenteuer! Nicht nur, weil es sehr spannend war, das ausgesprochen schöne Tier beim Trinken und Blätterknabbern zu beobachten. Sondern auch, weil Naturerlebnisse wie diese in der Großstadt immer seltener werden. Und nicht zuletzt habe ich gelernt, dass grüne Heupferde beißen können. Gut, normalerweise würde ich Heuschrecken ohnehin nicht anfassen – wozu auch? Gestern wollte ich mich aber vergewissern, dass Flip in der freien Natur überleben kann. Gedankt hat er es mir zwar nicht, doch durch die beiden Bisse sehr lebhaft zu verstehen gegeben, dass er trotz seiner Verletzung putzmunter ist. Da lasse ich mich doch gern beißen.

Hast du ebenfalls schon mal ein → grünes Heupferd gesehen?

XOXO

Sissi

 

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