Gemüsepower | Im Bild: Karotten

Gemüsepower

Der Januarnebel hängt tief in den Straßen, während ich mich gegen den Wind stemme und in die Migros eile. In der Obst- und Gemüseabteilung greife ich lustlos nach einer Packung spanischer Tomaten. Sie fühlen sich hart an, fast wie Plastik, und ich weiß: Sie werden nach nichts schmecken außer nach Wasser und weiter Transportreise. Also lasse ich sie lieber links liegen. Wann kommt endlich der Sommer? Genau in diesem Moment der kulinarischen Tristesse landet ein Buch auf meinem Schreibtisch, das Versprechen von saftigen, sonnenwarmen Früchten und knackigem Grün in mein Büro trägt: »Gemüsepower«.

Das Cover leuchtet mir in »fifty shades of green« entgegen. Eine junge Frau im neckischen Gartenschürzchen steht in einer Gemüsefülle, die fast unwirklich erscheint. Es ist Lucia Schauerhammer. Sie hält ihre Ernte wie Trophäen in den Händen und blickt nachdenklich in die Ferne. Mein Gärtnerherz schlägt sofort einen Takt schneller. Ich rieche förmlich die feuchte Erde und das würzige Aroma von frisch geernteten Karotten, während ich die Klappenbroschur aufschlage. Hier geht es nicht um theoretische Abhandlungen für Landwirte. Hier geht es um meinen Garten. Um deinen Garten. Um die maximale Ausbeute auf minimaler Fläche.

Ein wenig schmunzeln muss ich allerdings auch: Keine meiner Gartenfreundinnen würde sich in dieser Aufmachung in den Garten stellen. Die Schürze ist zwar süß, aber unpraktisch – viel zu unbequem, um wirklich ernsthaft im Garten zu arbeiten. Zuerst dachte ich sogar, sie trägt ein Kleidchen. Und was, in aller Gartengötternamen, treibt sie da überhaupt mit ihrem frischem Gemüse? Warum hält sie es über den Kopf, anstatt es zusammen mit dem Blumenkohl in einen Erntekorb zu legen? Typisch Influencer, sage ich da nur. Hauptsache sexy. Aber das ist es eben, was viele Follower von @dorfgarten_ auf Instagram sehen wollen.

Das sagt der Verlag

Die Tomaten sind wässrig, die Erdbeeren sauer und die Flugzeit der Paprika war länger als die eigene Urlaubsreise – importierte Produkte aus dem Supermarkt schmecken oftmals nicht nur fade, sondern weisen auch einen bedenklich großen ökologischen Fußabdruck auf. Wäre es da nicht fantastisch, ganzjährig ressourcenschonendes Gemüse aus dem eigenen Garten zu ernten, das nicht nur schmeckt, sondern auch nachhaltig gewachsen ist? Nichts einfacher als das, weiß Lucia Schauerhammer von @dorfgarten_ und zeigt in »Gemüsepower« wie es möglich ist, durch biointensiven Anbau viel Gemüse auf wenig Platz zu ernten.

Profistrategie im Kleinformat

Ich gebe zu, ich bin wie immer bei Büchern von Influencern skeptisch. Da mache ich auch bei Gartenbüchern keine Ausnahme. Oder vielleicht gerade dann nicht. Doch Lucia Schauerhammer weiß durchaus, wovon sie spricht. Sie bewirtschaftet in ihrem Dorfgarten riesige Flächen, bricht ihr Wissen in diesem Werk aber auf das Machbare herunter. Das Zauberwort lautet: »Market Garden«-Konzept. Oder wie es im Untertitel wenig atemschonend heißt: »Ernte so viel du kannst – jede Menge Gemüse auf kleiner Fläche. Prinzip Market Garden: ressourcenschonend & biointensiv auf kleiner Fläche. Fair, effizient & saisonal in deinem Garten«.

Vielleicht zuckst du jetzt zusammen und denkst an unhandliche Gartengeräte und krumme Rücken. Doch weit gefehlt! Die Autorin nimmt dieses aus dem professionellen Bio-Anbau stammende Konzept und passt es für unsere heimischen Beete an. Sie zeigt uns, wie wir den Boden nicht auslaugen, sondern aufbauen. Wie wir so dicht pflanzen, dass das Unkraut gar kein Licht mehr sieht, während sich die Salate gegenseitig stützen. Ich blättere durch die ersten Seiten und bleibe an den Grundlagen hängen. Bodenpflege. Kompost. Das klingt oft trocken wie staubige Erde im August, aber hier liest es sich flüssig und motivierend. Ich spüre den Drang, sofort meine Kompostmiete umzusetzen, obwohl der Boden draußen noch gefroren ist.

Sortenwissen mit Tiefgang

Das Buch folgt dem Rhythmus der Natur. Es gliedert sich logisch in die vier Jahreszeiten. Wir starten im Frühling, wenn die Finger kribbeln und die Samentütchen rascheln. Lucia nimmt dich an die Hand. Sie erklärt dir nicht abstrakt, wann du säen musst. Sie zeigt dir konkrete Pflanzideen.

Besonders gefällt mir die Detailtiefe bei den Sortenempfehlungen. Da steht nicht einfach »Kartoffel«. Nein, sie stellt Sorten wie die gelbschalige »Afra« oder die rotschalige »Stemster« vor. Ich lese die Beschreibungen und schmecke fast schon das nussige Aroma der Kartoffel auf meiner Zunge, sehe den auf dem Herd dampfenden Topf vor mir.

Solche Details machen den Unterschied zwischen einem 08/15-Gartenratgeber und einem Buch, das echte Leidenschaft transportiert. Die Autorin erklärt genau, welche Kartoffel mehlig kocht und welche du lange lagern kannst. Du lernst, deine Vorräte so zu planen, dass du auch im Winter nicht auf Ware aus dem Supermarkt angewiesen bist.

Jeder Zentimeter zählt

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Technik des biointensiven Anbaus. Das klingt kompliziert, bedeutet aber schlicht: Wir nutzen jeden Zentimeter. Lucia erklärt, wie du Beete anlegst, die kaum Pflege brauchen, weil die Pflanzen selbst für das richtige Mikroklima sorgen. Sie schreibt über Insektenschutznetze gegen Kohlweißlinge, Kohlfliegen und Erdflöhe. Dabei bleibt sie stets auf Augenhöhe. Du fühlst dich nie belehrt, sondern ermutigt.

Wenn sie beschreibt, wie sie im Haus die Kürbisgewächse vorzieht, höre ich das leise Plätschern ihrer Ballbrause und sehe die kräftigen grünen Keimlinge, die sich durch die dunkle Anzuchterde schieben. Sie nutzt dafür Obstschalen oder spezielle Platten – pragmatisch, einfach, nachmachbar. Nichts wirkt abgehoben oder unerreichbar teuer. Das gefällt mir. Gärtnern soll erden, nicht das Bankkonto plündern.

Vom Beet direkt ins Glas

Doch »Gemüsepower« liefert nicht nur Anleitungen für den Spaten, sondern auch für den Kochlöffel. Was nützt die größte Zucchinischwemme, wenn dir die Ideen ausgehen? Lucia streut Rezepte ein, die direkt aus dem Garten in die Küche führen. Besonders das Thema Haltbarmachung greift sie auf. Fermentieren. Ein uraltes Handwerk, das wieder voll im Trend liegt.

Ich lese die Anleitung und ziehe in Gedanken schon die Einmachgläser aus dem Kellerregal. Der angenehm säuerliche Geruch von eingelegtem Gemüse steigt mir in die Nase und ich freue mich auf den knackigen Biss einer fermentierten Möhre im tiefsten Winter. Das Buch schließt den Kreis vom Samenkorn bis zum fertigen Gericht auf dem Teller und vermittelt so ein ganzheitliches Verständnis von Nahrung, das uns Städtern oft abhanden gekommen ist.

Authentisch bis in die Gummistiefel

Die optische Aufmachung des Buches aus dem Kosmos Verlag unterstreicht diesen Ansatz. Modern, aufgeräumt, instagramtauglich, aber nicht unterkühlt. Viele Fotos zeigen die Autorin bei der Arbeit. Man sieht ihr an, dass sie das, was sie schreibt, auch lebt. Dreckige Hände, Gummistiefel, echtes Lachen.

Manche mögen kritisieren, dass die Autorin sehr präsent ist auf den Bildern, aber ich finde, es schafft auch Nähe. Der Verlag nutzt, was schon auf Instagram funktioniert. Und das ist absolut legitim! Es ist, als würde dir eine gute Freundin ihren Garten zeigen. Das Layout bricht die Textmengen gut auf. Wichtige Infos findest du in Kästen, Tipps heben sich optisch ab. Das Auge liest entspannt mit, nichts wirkt überladen. Die 144 Seiten sind prall gefüllt, wirken aber nie wie ein schwerer Ziegelstein, sondern eher wie ein leichtes Skizzenbuch voller Ideen.

Das Buch auf einen Blick

Gemüsepower: Ernte so viel du kannst – jede Menge Gemüse auf kleiner Fläche. Prinzip Market Garden: ressourcenschonend & biointensiv auf kleiner Fläche. Fair, effizient & saisonal in deinem Garten
Gemüsepower

Bibliografische Angaben

Titel: Gemüsepower: Ernte so viel du kannst – jede Menge Gemüse auf kleiner Fläche. Prinzip Market Garden: ressourcenschonend & biointensiv auf kleiner Fläche. Fair, effizient & saisonal in deinem Garten
Taschenbuch: 144 Seiten mit vielen Farbfotos
Verlag: Kosmos
Erscheinungsdatum: 19. Januar 2026 (1. Edition)
Sprache: Deutsch
Format: 19,3 x 1,2 x 25,4 Zentimeter
ISBN-10: 3440182851
ISBN-13: 978-3-440-18285-7
Preis: EUR 22,00 [D] | EUR 22,70 [AT] | CHF 34,90 [CH]

Über die Autorin

Lucia Francesca Schauerhammer betreibt in der Nähe von Jena den Dorfgarten im Einklang mit den Prinzipien der Permakultur als zukunftsfähige Alternative zum Supermarkt für ihre Familie und regionale Konsumenten. Mit viel Liebe und Hingabe werden von ihrer Familie 4.500 Quadratmeter mit 1,2 Kilometer Beetlänge bewirtschaftet, um ressourcenschonend viel Gemüse auf kleiner Fläche anzubauen.

Sissis Resümee

Altes Wissen, frisch verpackt

Natürlich erfindet Lucia Schauerhammer das Rad nicht komplett neu. Das Wissen um Mischkulturen, Kompostierung und Co. existiert bereits seit Jahrhunderten. Aber sie verpackt es zeitgemäß. Sie holt diejenigen ab, die wenig Platz haben und trotzdem maximale Frische wollen. Sie spricht die Sprache einer Generation, die Nachhaltigkeit nicht als Verzicht, sondern als Gewinn an Lebensqualität begreift. Wenn sie über den ökologischen Fußabdruck von Importware schreibt, spürst du ihre Überzeugung. Sie will Veränderung und gibt dir das Werkzeug dafür in die Hand. Dein Spaten wird zum Zauberstab, dein Hochbeet im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse zur Unabhängigkeitserklärung.

Es gibt Passagen, da hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, vielleicht noch detailliertere Tabellen für die Fruchtfolge oder Beikräuter, die du kennen solltest. Aber für den Umfang des Buches trifft sie eine gute Balance. Sie überfordert dich nicht mit wissenschaftlichen Exkursen, sondern liefert Praxiswissen. Du liest es und willst sofort in den Garten gehen. Selbst jetzt, wo der Wind noch kalt um die Hausecken pfeift, beginnst du im Kopf zu planen. Wo passt noch eine Reihe Radieschen hin? Kann ich den Feldsalat schon säen? Kurz: Das Buch aktiviert deinen inneren Gärtner.

Wer sollte sich dieses Buch also ins Regal stellen? Ich empfehle »Gemüsepower« allen, die keine Lust mehr auf geschmackloses Wassergemüse haben. Es ist perfekt für dich, wenn du einen kleinen Garten, ein Hochbeet oder auch nur einen großen Balkon hast und diesen Raum effizient nutzen willst. Du brauchst keinen Hektar Land, um dich selbst zu versorgen – zumindest teilweise. Einsteigern nimmt Lucia die Angst vor dem »grünen Daumen«, den es so ja gar nicht gibt. Es gibt nur Erfahrung und Beobachtung. Fortgeschrittene finden in den Kapiteln zum biointensiven Anbau und zur genauen Sortenwahl sicher noch den einen oder anderen Kniff, um ihre Ernteerfolge zu verbessern.

Lucia Schauerhammer beweist mit »Gemüsepower«, dass Selbstversorgung keine Frage der Quadratmeterzahl ist, sondern eine Frage der Einstellung. Wenn, ja wenn das Wetter mitspielt … Diesen Einwand muss ich einfach machen, zu oft hat mir die Klimakrise in den letzten Jahren im wahrsten Sinne des Wortes die Ernte verhagelt. Ich klappe das Buch wieder zu. Das Cover fühlt sich glatt und wertig an unter meinen Fingern. Mein Blick wandert aus dem Fenster. Der Nebel hat sich noch nicht verzogen, aber in meinem Kopf blüht es bereits.

Und auch, wenn ich noch nicht weiß, wo mein künftiger Garten nach dem Umzug sein wird: Ich sehe volle Kisten, bunte Beete und schmecke den Sommer. Dieses Buch ist ein Startschuss.

Greif auch du zum Spaten. Deine Ernte wartet!

XOXO

Sissi

[Produktempfehlungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Alle Preisangaben ohne Gewähr. Produktverfügbarkeiten und Preise können im DACH-Raum variieren. Artikelbild: Mnimage via Adobe Stock.]