Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) auf vertrocknetem Grashalm

Gemeine Winterlibelle

Draußen beißt die Kälte in meine Wangen und der Raureif überzieht die Wiesen mit einer glitzernden Kruste. Normalerweise rechne ich um diese Jahreszeit nicht mit filigranen Flugkünstlern. Doch genau hier irren wir uns oft. Mitten im winterlichen Grau verbirgt sich ein kleines Wunder, das der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gemeinsam mit der Gesellschaft der deutschsprachigen Odonatologen nun ins Rampenlicht rückt. Sie kürten die Gemeine Winterlibelle zur Libelle des Jahres 2026.

Diesen Titel trägt sie völlig zu Recht. Während die meisten ihrer Verwandten den Winter als Ei oder Larve unter Wasser verbringen, trotzt die Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) als erwachsenes Insekt Eis und Schnee. Sie teilt diese außergewöhnliche Überlebensstrategie hierzulande nur mit ihrer seltenen Schwester, der Sibirischen Winterlibelle (Sympecma paedisca). Diese Zähigkeit fasziniert mich. Ein so zartes Wesen stellt sich den härtesten Bedingungen und überlebt Temperaturen, bei denen wir Menschen längst bibbern und zittern.

Wenn du glaubst, Libellen gehören nur an den sommerlichen Teich, belehrt dich dieses Insekt eines Besseren. Die Gemeine Winterlibelle verbringt die kalten Monate fernab vom Wasser an geschützten Orten. Das zarte Insekt sucht sich kleine Lichtungen mit altem Gras oder versteckt sich in ausgedehnten Röhrichtbeständen. Ein weiterer guter Grund für die Gartenfreunde unter uns, Abgeblühtes im Herbst nicht zurückzuschneiden!

Meisterin der Tarnung

Du musst schon sehr genau hinsehen, um sie zu entdecken. Mutter Natur schenkte Männchen wie Weibchen eine fast identische Färbung in Braun- und Bronzetönen. Damit verschmelzen sie optisch perfekt mit dem trockenen Halmen und Zweigen ihrer Umgebung. In ihrer Ruhestellung legen sie die Flügel eng über dem Körper zusammen. So machen sie sich schlank und unscheinbar. Diese perfekte Anpassung macht sie im winterlichen Gestrüpp nahezu unsichtbar.

Gemeine Winterlibelle bei der Paarung
Gemeine Winterlibelle bei der Paarung | Foto: Michael Frank

Sonnenanbeterin im Frost

Doch die Gemeine Winterlibelle erstarrt nicht einfach monatelang. Wie meine Freunde, die Feuerwanzen, erwacht sie an sonnigen Tagen zum Leben. Dann kannst du sie tatsächlich umherfliegen sehen, selbst wenn der Kalender Winter anzeigt. Sobald die Temperaturen im Frühjahr steigen, startet sie richtig durch. Ab Anfang April ist sie die erste Libelle, die dauerhaft durch unsere Lüfte segelt. Sie nutzt jeden wärmenden Sonnenstrahl, um ihre Energiereserven zu mobilisieren.

Weibchen der Gemeinen Winterlibelle
Weibchen der Gemeinen Winterlibelle | Foto: Michael Frank

Profiteurin des Wandels

Der Klimawandel spielt der Gemeinen Winterlibelle in die Karten. Sie ist weit verbreitet und profitiert sichtlich von den zunehmend milderen Wintern. Anders als 48 der rund 80 in Deutschland heimischen Libellenarten gilt sie aktuell nicht als gefährdet. Dennoch mahnt ihre Wahl zur Vorsicht. Sie zeigt uns, wie wichtig die Vernetzung verschiedener Lebensräume in unserer Landschaft ist. Es reicht nicht, nur Tümpel zu schützen. Wir müssen auch die Landlebensräume und die Wege dazwischen pflegen und bewahren.

Sissis Resümee

Ich gehe ab sofort mit anderen Augen durch die winterliche Natur. Jeder braune Halm könnte das Zuhause einer dieser Überlebenskünstlerinnen sein. Der Gedanke, dass direkt vor meinen Füßen ein Insekt auf den nächsten Sonnenstrahl wartet, erfüllt mich mit Demut. Wir neigen dazu, die Natur im Winter als tot oder schlafend abzutun. Die Gemeine Winterlibelle beweist uns das Gegenteil.

Vielleicht nimmst auch du bei deinem nächsten Spaziergang das Becherglas oder eine Insektenlupe mit. Suche gezielt an sonnigen Waldrändern oder in trockenen Schilfgürteln regionaler Feuchtgebiete. Wenn du Glück hast, entdeckst du den bronzenen Schimmer der Libelle auf einem dürren Blatt. Es ist ein kleiner, aber magischer Moment, der die Kälte vergessen lässt.

Die Wahl der Gemeinen Winterlibelle zur Libelle des Jahres 2026 erinnert uns daran, den Blick für das Unscheinbare zu schärfen. Wir schützen nur, was wir kennen. Und nun kennen wir eine weitere faszinierende Facette unserer heimischen Artenvielfalt. Feiern wir also die Gemeine Winterlibelle – die stille, anmutige Heldin der kalten Jahreszeit.

Wir sehen uns draußen!

XOXO

Sissi

[Quelle: Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und eigene Recherche. Artikelbild: Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) auf vertrocknetem Grashalm, Foto kuratiert von Denis via Adobe Stock.]