Geheimnisvolle Pflanzenwelt
Wir hasten meist achtlos an ihr vorbei. Ein flüchtiger Blick auf das Grün am Wegesrand, ein Streifen der Blätter im Vorübergehen – die wahren Geschichten bleiben im hektischen Alltag verborgen. Dabei umgibt uns eine Pflanzenwelt, die tief in unserer Kultur, unseren Mythen und unserer Geschichte verwurzelt ist. Jedes Blatt und jede Blüte trägt ein Geheimnis in sich, das darauf wartet, entschlüsselt zu werden
Am 13. April feiern wir den »Ehrentag der Pflanze«. Dieses Datum erinnert uns daran, innezuhalten und den Blick auf die grünen Begleiter unseres Lebens zu richten. Der Naturschutzbund Österreich rückt an diesem Tag den Wert unserer heimischen Flora ins Rampenlicht. Schluss mit trockener Theorie! Begleite mich auf eine Reise zu drei grünen Ikonen, die uns Respekt vor der Natur lehren.
Antiker Lorbeer
Symbol für ewigen Ruhm
Die wohl berühmteste Pflanze, die untrennbar mit dem Begriff der Ehre in Verbindung steht, ist der Lorbeer. Unter dem wissenschaftlichen Namen Laurus nobilis bekannt, hat dieses mediterrane Gewächs seine ursprüngliche Heimat im sonnenverwöhnten Mittelmeerraum.
Bereits im antiken Griechenland und im Römischen Reich verkörperte das immergrüne Blattwerk Ruhm, Sieg und Ehre. Wer außergewöhnliche Taten vollbrachte, erhielt die höchste Auszeichnung: Die zu einem Kranz gebundene Pflanze krönte das Haupt der geehrten Person.
Diese Ehrung beschränkte sich keineswegs auf Krieger. Auch auf dem politischen Parkett oder bei sportlichen Wettkämpfen bildete das Grün die ultimative Trophäe. Geistige Leistungen in Wissenschaft, Kunst oder Literatur wurden ebenfalls mit den edlen Lorbeerblättern bedacht. Aus dieser Tradition entstand der bis heute gebräuchliche Begriff »Laureat« für einen gefeierten Preisträger.
Der Ursprung dieser kulturhistorischen Bedeutung liegt in der griechischen Mythologie. Gott Apollo verliebte sich in die Nymphe Daphne. Diese Leidenschaft resultierte aus einem Racheakt. Der Liebesgott Eros hatte Apollo mit seinem Pfeil getroffen, nachdem dieser ihn verspottet hatte.
Daphne verschmähte die Liebe und floh. Damit sie Apollo entkommen konnte, verwandelte ihr Vater, der Flussgott Peneios, die Nymphe in einen Lorbeerbaum. Der verzweifelte Apollo erklärte den Baum für heilig. Fortan trug er einen Kranz aus den Blättern, um seine verlorene Geliebte für alle Ewigkeit bei sich zu tragen.

Violetter Ehrenpreis
Magische Heilkraft
Ein weiteres Wunderwerk der Pflanzenwelt verbirgt sich hinter dem Namen Ehrenpreis. Diese Gattung, die in der Wissenschaft als Veronica bezeichnet wird, ordnen Botaniker der Familie der Wegerichgewächse zu.
Die optische Vielfalt dieser Gruppe ist groß. Während uns die kleinen, krautigen Vertreter vertraut sind, zählen auch strauch- und baumförmige Arten dazu. Letztere wurden früher der Gattung Hebe zugeordnet, gehören heute jedoch zu den Ehrenpreisen.
In unseren Breitengraden begegnen uns typische heimische Vertreter. Dazu zählen der Echte Ehrenpreis (Veronica officinalis), der filigrane Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys) und der robuste Persische Ehrenpreis (Veronica persica). Als besonders formschön und ästhetisch gilt unter erfahrenen Pflanzenkennern zudem der Österreichische Ehrenpreis (Veronica austriaca).
Du erkennst die Pflanzen an ihren vierzähligen Blüten, die in kräftigen blauen oder violetten Tönen leuchten. Sie siedeln sich bevorzugt auf saftigen grünen Wiesen, in gepflegten heimischen Gärten oder an sonnigen Wegrändern an. Dort erfreuen sie nicht nur unser menschliches Auge, sondern stellen auch eine wichtige Nahrungsquelle für eine Vielzahl an fleißigen Bestäuberinsekten dar.
Der Name dieser Pflanzenfamilie stammt aus dem Mittelalter und gilt als Ausdruck höchster Anerkennung. Die Menschen schätzten ihre Heilkraft und ehrten die Pflanze mit »Lob und Preis«. In jener Zeit glaubte man an magische Mächte. Der Ehrenpreis sollte gegen böse Hexen und allerlei Krankheiten wirken. Der lateinische Name Veronica verweist als »Siegbringerin« auf diese Kraft. Im Volksglauben diente die Blume überdies als Schutzmittel gegen Unwetter. Das brachte ihr den charmanten Beinamen »Gewitterblümchen« ein.
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Majestätische Eiche
Königin der Bäume
Wenige Pflanzen strahlen eine derartige Kraft und Beständigkeit aus wie die Eiche (Quercus). Diese mächtigen, sommergrünen oder in manchen Regionen auch immergrünen Bäume und Sträucher ordnet die Wissenschaft der Familie der Buchengewächse (Fagaceae) zu.
In Mitteleuropa prägen Eichen als dominante Baumart die Mischwälder. Nach den Buchen bilden sie die zweithäufigste Laubbaumgattung. Ein typisches Beispiel ist die Stieleiche (Quercus robur). Sie zeichnet sich durch lang gestielte Eicheln aus und gilt als die am weitesten verbreitete Eichenart auf österreichischem Boden. Diese Giganten der Wälder erreichen ein geradezu biblisches Alter von über 1.000 Jahren.
Alle Eichen sind langlebig und treiben ihre Wurzeln tief in das Erdreich. Ökologisch zählen sie zu den wertvollsten Arten im Laub- und Mischwald. Ihre breiten Stämme und ausladenden Kronen bieten tierischen Bewohnern Lebensraum. Vögeln und Hunderten Insektenarten dient die Eiche als langlebiges »Appartementhaus«. Zudem spenden ihre nahrhaften, kohlenhydratreichen Früchte im Herbst reichlich Energie für den anstehenden Winter. Zwei Waldtiere verdanken diesem üppigen Nahrungsangebot sogar ganz offiziell ihren Namen: der farbenfrohe Eichelhäher und das flinke Eichhörnchen, die beide nach der Eiche beziehungsweise den Eicheln benannt sind.
Mythologisch und geschichtlich ist die imposante Eiche tief in unserer europäischen Kultur verwurzelt. Ihre majestätische Statur und ihre tiefe Verehrung von alters her brachte ihr den Titel »Königin der Bäume« ein. Da ihre wasserführenden Pfahlwurzeln Blitzeinschläge ableiten, waren diese Bäume den Wettergöttern Zeus und Thor geweiht und stiegen so zum Symbol für göttliche Gunst und Unbeugsamkeit auf.
Historisch manifestierte sich diese Bedeutung bei den Römern in der Corona civica (deutsch: Bürgerkrone), einer Auszeichnung aus Eichenlaub, die Lebensrettern überreicht wurde. Bis heute ist das Eichenlaub auf Münzen und Abzeichen ein Sinnbild für Beständigkeit und Heldenmut. Die harte, witterungsbeständige Beschaffenheit des Holzes formte zudem den Begriff der »unerschütterlichen Eiche«.

Wilde Wurzeln
Unter den Eichen
In meinen Augen gebührt nicht nur jenen Pflanzen Aufmerksamkeit, deren Name auf Ruhm oder Ehre verweist. Die Pflanzenwelt hält zahllose Wunder bereit. Sie sprießen unscheinbar zwischen Gehwegplatten, in Mauerritzen oder im Moos. Diese alltägliche Natur vor unserer Haustür fasziniert mich seit meiner Kindheit.
Der Naturschutzbund freut sich über Bilder, die aufmerksame Beobachter auf der Citizen-Science-Plattform Naturbeobachtung.at oder über die gleichnamige App hochladen. Teilst du deine Schnappschüsse aus der österreichischen Natur mit den Fachleuten, hilfst du, wertvolles Wissen über die vielfältige heimische Pflanzenwelt zu sammeln. Es gilt das Prinzip: Nur was wir kennen, können wir schützen.
Ich durchstreife die Natur künftig an einem neuen Ort. Bald beziehe ich die Adresse »Unter den Eichen«. Eichen wachsen dort, das weiß ich. Ich freue mich auf alles, was in diesem Garten bereits wurzelt, vielleicht entdecke ich sogar Lorbeer? Fehlt der Ehrenpreis, finde ich für diesen Insektenmagneten ein passendes Plätzchen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt – für mich und für die Pflanzenwelt.
Wir sehen uns draußen!
XOXO
Sissi
[Quellen: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Eiche, fotografiert von Martha. Alle Fotos via Adobe Stock.]