Gefiederte Wintergäste im Anflug!
Ich war gerade mit den Hunden im Garten und fühle die Melancholie, die der heute trübe Herbst mit sich bringt. Die Lüfte werden leerer, einzig einige Kohlmeisen (Parus major) hüpfen durch den Ahorn, während in der Ferne die Rotmilane (Milvus milvus) ihre Kreise ziehen. Viele unserer vertrauten Vögel, wie etwa die schnellen Mauersegler (Apus apus), sind bereits abgeflogen: Ihre Brutzeit ist beendet. Wir stehen mitten in der großen Herbstwanderung. Während einige Vogelarten bereits ihre Koffer gepackt haben, sammeln sich andere für den Abflug gen Süden. Genau in dieser Zeit feiern wir heute den Weltzugvogeltag, einen Gedenktag für das Wunder der Vogelreise. Ich beobachte, wie die Natur sich wandelt und die Daheimgebliebenen ihre letzten Vorbereitungen für den langen Flug in die Winterquartiere treffen.
Typischerweise zieht es Zugvögel im Herbst in warme Gefilde wie den Mittelmeerraum oder nach Afrika. Doch es gibt auch eine spannende, gegenläufige Bewegung, die oft unbeachtet bleibt: Unsere Heimat wird für viele Arten aus dem hohen Norden, die ihre Brutgebiete in Skandinavien und Sibirien haben, selbst zum Winterziel. Sie kommen zu uns, weil sie optimale Bedingungen für sich und ihren Nachwuchs suchen.
Vielleicht fragst du dich, was diese Vögel ausgerechnet in unsere Breitengrade lockt? Für Vögel, welche die karge, klirrend kalte Tundra Sibiriens hinter sich lassen, erscheinen unsere milden Täler und offenen Seengebiete geradezu warm und einladend. Die Früchte unserer heimischen Heckensträucher stellen für sie ein reich gedecktes Winterbüffet dar. Das im Vergleich zu ihrer Heimat üppige Nahrungsangebot ermöglicht es diesen Zugvögeln, die kalte Jahreszeit zu überdauern und macht unsere Heimat trotz gelegentlichem Schnee zu einem attraktiven Luxusquartier für den Winter.
Was die nordischen Gäste zu uns zieht
Gefundenes Fressen statt Eiseskälte
Die Hauptmotivation für das phänomenale »Ziehen« ist die dringende Suche nach Nahrung, vergleichsweise mildem Wetter und geeigneten Brut- bzw. Rastplätzen. Unsere Winter bieten diesen Vögeln selbst bei Kälte eine enorme Verbesserung gegenüber ihren arktischen Brutgebieten. Versetze dich selbst einmal in solch einen Zugvogel: Du entkommst der kargen Weite Sibiriens und landest hier, wo überall die leckeren Früchte der Heckensträucher locken. Holunder, Vogelbeere (Eberesche), Schlehe, Weißdorn und Pfaffenhütchen, aber auch Brombeeren und Hagebutten sind ein wahres Schlemmerparadies für Vögel!
Wer sind unsere Wintergäste?
Juwel in Bewegung: der Seidenschwanz
Mit besonderer Ungeduld erwarte ich Jahr für Jahr den Seidenschwanz (Bombycilla garrulus). Dieser auffällige, bunte Vogel brütet gewöhnlich in Skandinavien und der sibirischen Taiga. Seine Ankunft in unseren Breiten erfolgt unregelmäßig, weshalb seine Sichtung stets ein besonderes Ereignis bleibt.
Wenn er zu uns kommt, dann erscheint er üblicherweise in großen, imposanten Schwärmen und bedient sich hungrig an den reichlichen Beeren und Früchten unserer heimische Wintergehölze.

Schwarz-Weiß-Kontrast: die Schwanzmeise
Die Schwanzmeise (Aegithalos caudatus) kenne ich als besonders treue winterliche Besucherin. Wir unterscheiden zwei Typen: Die ganzjährig heimische Unterart A.c. europaeus ist ein sogenannter »Standvogel«. Du erkennst sie an ihrem meist schwarzgestreiften Kopf. Im Winter gesellt sich die weißköpfige Unterart A.c. caudatus hinzu, die extra aus Nordosteuropa anfliegt. Ich finde es faszinierend, dass diese Wintergäste aus Nordosteuropa in den kalten Monaten genau dieselben Lebensräume nutzen wie ihre heimischen Verwandten. Sie teilen sich friedlich den winterlichen Lebensraum, bevor die Nordländer bei wärmeren Temperaturen wieder in ihre Brutgebiete aufbrechen.

Pflanzlicher Feinschmecker unter den Rabenvögeln: die Saatkrähe
Auch die stattlichen Saatkrähen (Corvus frugilegus) erscheinen als Wintergäste in großen, dunklen Schwärmen in unseren Landen. Meist kommen sie aus nordöstlichen Gebieten Europas und Asiens und teilen den Lebensraum mit ihren heimischen Verwandten.
Wie viele Rabenvögel gehören auch Saatkrähen zu den sogenannten Omnivoren; sie nehmen also sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrung auf. Hier sehe ich eine wichtige Anpassung an die Wintermonate: Im Gegensatz zu Raben und Rabenkrähen ernähren sich diese Wintergäste zu einem viel höheren Anteil pflanzlich. Diese Spezialisierung auf Sämereien reduziert wahrscheinlich die direkte Konkurrenz mit unseren ansässigen, bevorzugt fleischfressenden Rabenvögeln und sichert so hierzulande ihr Überleben.

Singender Wintertourist: der Bergfink
Der Bergfink (Fringilla montifringilla) ist wohl unser bekanntester Wintergast. Er reist aus seinen Brutgebieten in Skandinavien und Russland zu uns und überwintert in tiefen und mittleren Lagen. Wir können ihn als reinen Wintertouristen betrachten, der nur in den seltensten Fällen in der subalpinen Zone Kärntens auch brütet.
Am spektakulärsten finde ich die schiere Masse: Oft sammeln sich Zehntausende Bergfinken in immens großen Schwärmen an ihren Schlafplätzen. Der hübsche Sänger sucht bevorzugt lichte Laub- und Mischwälder, Kulturlandschaften und glücklicherweise auch unsere Hausgärten auf. Bucheckern, Vogelbeeren und von Menschen angebotene Sonnenblumenkerne stehen ganz oben auf seinem Speiseplan.

Der Vogelzug kennt keine Grenzen
Faszinierende Routen in Deutschland und der Schweiz
Transitland Deutschland
Wenn 100 Millionen abfliegen
Über 100 Millionen Zugvögel verlassen im Herbst ihre Brutgebiete in Deutschland, um wärmere Regionen zu erreichen. Wir sehen dabei nicht nur die Langstreckenzieher wie etwa die Rauchschwalben (Hirundo rustica), die bis ins tropische Afrika fliegen, sondern auch Kurz- und Mittelstreckenzieher.
Jahr für Jahr können wir beobachten, wie sich die majestätischen Kraniche (Gruidae) versammeln, bevor sie gen Süden ziehen. Gleichzeitig erwarte ich genau wie die Österreicher nordische Gäste: Buchfinken (Fringilla coelebs) strömen aus Skandinavien und Russland zu uns, um dann teilweise bis nach Spanien weiterzuziehen. Auch der Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) und der Bergfink (Fringilla montifringilla), sogenannte Invasionsvögel, können in manchen Wintern Deutschland in großer Zahl aus dem Norden erobern.
Wasserparadies Schweiz
Eine halbe Million Gäste
Die Schweiz bietet für rund eine halbe Million Wasservögel einen lebensrettenden Winterhafen. Diese Vögel, die meist aus dem Norden und Osten kommen, nutzen die großen, offenen Seen, die auch im Winter nicht zufrieren.
Mit ein bisschen Glück kannst du beobachten, wie zum Beispiel die eleganten Reiherenten (Aythya fuligula) in Schwärmen von rund 100.000 Exemplaren auftauchen. Oder du siehst Singschwäne (Cygnus cygnus) aus Lettland auf den Schweizer Gewässern landen und dort den Winter über genug Nahrung finden.
Persönlich freue ich mich immer besonders über den Zwergtaucher (Tachybaptus ruficollis), der uns mit seinem lauten Trillern im Winter unterhält und den du jetzt gut auf den Seen beobachten kannst. Die Schweiz ist also ein wichtiger Rast- und Überwinterungsplatz, der das gesamte mitteleuropäische Ökosystem stützt.
Nützliche Links für Vogelfreunde
- Eulen – Lautlose Nachbarn
- Meise mag Melisse
- 11 Geschenkideen für Vogelfreunde
- Wie Vögel lieben
- So locke ich Vögel in meinen Garten
- Vogelguckerin Silke Hartmann
Sissis Resümee
Angesichts der Vielfalt an Zugvögeln kannst du erkennen, ob und wie stabil und zugleich flexibel die Ökosysteme in deiner Region sein müssen, um sowohl die ganzjährig ansässigen Arten als auch die massenhaft auftretenden Wintergäste zu versorgen.
Ich empfinde eine tiefe Freude, wenn ich sehe, wie meine aktuelle Wahlheimat für diese tapferen, weit gereisten Vögel einen sicheren Hafen bietet. Ich muss keine weiten Reisen unternehmen, um das globale Wunder der Vogelwanderung zu erleben, denn es kommt direkt zu mir. Ich spüre ein besonderes Glück, wenn ich morgens aus meinen Fenstern blicke und die Bewegung in den heimischen Hecken beobachte. Diese Vögel, welche die klirrende Kälte und die Kargheit der Tundra hinter sich gelassen haben, nutzen dankbar die vergleichsweise milden Bedingungen und die üppigen Früchte unserer Landschaft.
Deshalb liegt es mir am Herzen, unseren eigenen Garten auch weiterhin als vitalen Rast- und Speiseplatz nicht nur für einheimische Gartenvögel, sondern auch für diese nordischen Besucher zu gestalten. Ich achte darauf, dass meine heimischen Sträucher reichlich Hagebutten, Vogelbeeren und andere Früchte tragen, die besonders dem bunten Seidenschwanz eine attraktive Nahrungsquelle bieten.
Großzügig biete ich Sonnenblumenkerne an den Futterstellen an, denn ich weiß, dass neben dem Bergfink auch unsere einheimischen Singvögel diese Köstlichkeit nicht verschmähen. Ich halte gezielt Ausschau nach der markanten, weißköpfigen Schwanzmeise, die extra aus Nordosteuropa zu Besuch kommt. Ich möchte diesen Vögeln die nötige, leicht verfügbare Energie schenken, die sie für die harten Wintermonate brauchen.
Auch du spielst bei der Erforschung und dem Schutz unserer gefiederten Freunde eine wichtige Rolle! So kannst du zum Beispiel den Naturschutzbund Österreich dabei unterstützen, die Wanderungen und das Vorkommen dieser nordischen Gäste besser zu dokumentieren:
Wenn du einen Schwarm Bergfinken siehst oder gar den bunten Seidenschwanz entdeckst, zögere nicht, das Erlebnis festzuhalten. Teile dein Vogelbild einfach auf der Citizen-Science-Plattform Naturbeobachtung.at oder der gleichnamigen App. Ich finde den Gedanken inspirierend: Mit jedem hochgeladenen Foto trägst du direkt zur Erforschung und zum heimischen Vogelschutz bei.
Darüber hinaus kannst du dich in Deutschland, Österreich, Tschechien und der Slowakei wieder an der »Stunde der Wintervögel« beteiligen, die vom 9. bis zum 11.Januar 2026 stattfindet. Hilf mit, die Anwesenheit dieser faszinierenden Wintergäste zu dokumentieren, damit wir ihren Schutz langfristig sichern können.
Wir sehen uns im Garten – und unterwegs!
XOXO
Sissi
[Quelle: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Schwanzmeise (Aegithalos caudatus caudatus) im Winter, kuratiert von Mihiro_Wildlife via Adobe Stock.]