Die Seepferdchen vom Étang de Thau
Wir stehen am Ufer des Étang de Thau, spüren die Sonne auf den Wangen und schmecken Salz auf unseren Lippen, während der Wind sanft über die riesige Salzwasserlagune streicht. Hier, nahe Montpellier an der südfranzösischen Mittelmeerküste, schlägt das Herz der lokalen Austernzucht. Wir suchen allerdings nicht nach den berühmten Meeresfrüchten. Stattdessen nehmen wir dich mit auf einen Ausflug in ein einzigartiges Ökosystem, in dem in nur wenigen Metern Tiefe eine besondere Population des Langschnäuzigen Seepferdchens (Hippocampus guttulatus) lebt.
Das Mittelmeer beheimatet zwei Seepferdchenarten: das Kurznasige Seepferdchen (Hippocampus hippocampus) und das Langschnäuzige Seepferdchen (Hippocampus guttulatus), gemeinhin auch als Geflecktes Seepferdchen bekannt. Sie leben in Korallenfeldern, Seegraswiesen, Algen- und Tangwäldern sowie in Felsbiotopen mit Unterschlupf- und Versteckmöglichkeiten und bevorzugen geschützte Flachwasserbereiche mit Tiefen bis zu etwa sechs Metern. Vereinzelt werden aber auch Exemplare in bis zu 20 Metern Tiefe angetroffen.
Weltweit sind Seepferdchenpopulationen durch Lebensraumzerstörung, Überfischung und dem daraus resultierenden Beifang in Fischerbooten massiv bedroht – so auch im Europäischen Mittelmeer. Zudem werden Seepferdchen für den illegalen Handel gefischt, meist für die traditionelle asiatische Medizin, aber auch als Souvenirs und für Aquarien. Die Verschmutzung der Meere und die Klimakrise tragen ebenfalls zum Verlust der Lebensräume bei. Umso wichtiger sind geschützte Habitate, in denen die an kleine Drachen erinnernden wundersamen Knochenfische ungestört leben und sich vermehren können.
Überleben im Müll?
Menschengemachtes Paradoxon
Aufgrund der Isolation der Salzwasserlagune entstand im Étang de Thau eine genetisch einzigartige Population des Langschnäuzigen Seepferdchens, was das südfranzösische »Binnenmeer« zu einem taucherischen Highlight von höchster wissenschaftlicher Bedeutung macht: Der Schutz dieser Tiere hängt vor allem davon ab, dass die Umweltbedingungen vor Ort stabil bleiben. Denn der Mangel an Zuzug von Seepferdchen aus dem offenen Meer macht die Population im Étang de Thau besonders verletzlich.
Zur besseren Erforschung der Seepferdchenbestände in diesem Gewässer rief der französische Meeresbiologe Patrick Louisy von der Association Peau-Bleue das Forschungsprojekt «Les Hippocampes d’Europe» (2017–2021) ins Leben. Mittels Fotomorphologie identifizierte er rund 100 Seepferdchen im Gebiet Ponton de la Bordelaise bei Sète, das eine Tiefe zwischen ein und fünf Metern aufweist.
Das Areal hat sich durch jahrzehntelange Ansammlung von Schiffswracks, Autoreifen und Betonblöcken zu einem marinen Müllplatz entwickelt. Trotz seiner anthropogenen Belastung stellte Louisy fest, dass diese Strukturen, die auf einem sandig-felsigen Grund mit Seegraswiesen ruhen, zu einem «privilegierten Habitat» für die Seepferdchen wurden.
Feldforschung trifft Unterwassertechnologie
Louisy zog die Octopus Foundation hinzu, um Unterwasserkartierungen durchzuführen. Diese technische Partnerschaft bündelte mehrjährige Feldforschung mit hochmoderner Unterwassertechnologie. Dafür sammelten freiwillige Taucher Tausende von Fotos (Citizen Science). Mithilfe der Fotogrammetrie erzeugten die Techniker dann 20 Unterwasser-3D-Modelle des Ponton de la Bordelaise. Im März 2021 schließlich erstellte die Octopus Foundation die erste hochauflösende Unterwasserkarte in 3D.
Diese 3D-Karte dient Louisy nun als Grundlage für sein Bewegungsmonitoring. Da Seepferdchen eine geringe Mobilität zeigen, geben Positionsveränderungen der Tiere Aufschluss über Wanderungsmuster in Abhängigkeit von ökologischen Faktoren wie Tag-Nacht-Zyklen oder Wetterereignissen. Ein tieferes Verständnis dieser ikonischen Meerestiere soll langfristig zu einem intensiveren Schutz und einer besseren Verwaltung der Lagune durch die lokalen Behörden führen.
Symbiose von Müll und Artenschutz
Das Gebiet gleicht einem Unterwasserfriedhof. Die geringe Wassertiefe macht das Areal außerdem anfällig für schnelle Strömungs- und Temperaturschwankungen. Wie also kann es sein, dass sich die gefährdeten Seepferdchen ausgerechnet hier wohlfühlen? So paradox es auch klingen mag: Das von Menschenhand geschaffene Müllchaos schafft genau die notwendigen komplexen Strukturen und Ankerpunkte, die das Langschnäuzige Seepferdchen so dringend fürs Überleben braucht.
Nützliche Links
- Association Peau-Bleue
- Octopus Foundation
- The paradox of retained genetic diversity of Hippocampus guttulatus in the face of demographic decline
- Une décharge marine devenue un habitat privilégié des hippocampes dans l’étang de Thau
- Wikipedia-Artikel über das Langschnäuzige Seepferdchen

Kleines Artenporträt
Wissenswertes über das Langschnäuzige Seepferdchen
Das Langschnäuzige Seepferdchen (Hippocampus guttulatus) ist ein faszinierender Vertreter der Gattung, der sich durch eine auffallend lange Schnauze auszeichnet, die ihm auch seinen Namen gab. Die Tiere erreichen typischerweise eine Körpergröße von 15 Zentimetern, können aber auch bis zu 21,5 Zentimeter groß werden. Ihre Farbe variiert von grünlich-gelb bis rötlich-braun und wirkt meist fleckig mit bläulich-weißen Punkten – eine perfekte Tarnung im jeweiligen Lebensraum!
Ein markantes Merkmal dieser Art ist die Krone aus Hautfäden sowie weitere haarartige Fortsätze am Nacken und entlang der Rückenlinie, die an die Mähne eines Pferdes erinnern. Der von ringförmigen Knochenplatten umgebene gebogene Körper endet in einem geringelten Greifschwanz, mit dem es sich an Seegraswiesen (Posidonia oder Zostera) oder in Tangwäldern, an Strukturen und zuweilen auch an Artgenossen festhält, den sogenannten Ankerpunkten.
Die Verbreitung dieser Art erstreckt sich über die warm-gemäßigten Küstengewässer des Nordostatlantiks – von der südlichen Nordseeküste, dem Ärmelkanal, entlang Westafrikas – sowie das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Als Lebensraum bevorzugt das Langschnäuzige Seepferdchen flache Sublitoralzonen in Tiefen von etwa einem bis zu 20 Metern. Dort ist es auf dichten Pflanzenbewuchs angewiesen, wo es Schutz und Beute findet.
Das Langschnäuzige Seepferdchen lebt meist monogam und ernährt sich als geduldiger Lauerjäger hauptsächlich von Zooplankton und kleinen Krebstieren. Diese Beute saugt es blitzschnell durch seine röhrenförmige, zahnlose Schnauze ein. Seine Fortpflanzungsstrategie ist einzigartig: Nach einer intensiven Balz überträgt das Weibchen die Eier in die Bruttasche des Männchens, wo sie befruchtet werden und sich in einem Gewebe, das wie eine Plazenta wirkt, entwickeln. Nach einer Tragzeit von etwa drei bis vier Wochen bringt das Männchen zwischen 100 und 300 vollständig entwickelte und sofort selbstständige Jungtiere zur Welt, wobei die Paarungszeit auf der Nordhalbkugel von April bis in den Oktober reicht.
Trotz seiner faszinierenden Lebensweise und der elterlichen Fürsorge gilt das Langschnäuzige Seepferdchen als gefährdet. Die Hauptbedrohung stellt, wie eingangs erwähnt, die Zerstörung seines bevorzugten Lebensraumes – insbesondere der Seegraswiesen – durch die Grundschleppnetzfischerei, Küstenverschmutzung und Düngereinträge dar. Hinzu kommt die Entnahme der Tiere als Beifang in der Fischerei oder als Zielart für die Herstellung von traditioneller asiatischer Medizin sowie für den globalen Handel mit Aquarientieren und »Souvenirs«. Zum Schutz der Art wurde Hippocampus spp. in den CITES Anhang II aufgenommen, um den internationalen Handel zu regulieren.

Sissis Resümee
Das Bild des Langschnäuzigen Seepferdchens vom Étang de Thau im Müllchaos hat sich unauslöschlich in unser Gedächtnis eingebrannt. Begegnungen wie diese lehren uns: Artenschutz findet nicht nur in unberührten Korallenriffen statt. Oft liegt die Herausforderung vielmehr im ausgewogenen Miteinander von Mensch und Natur. Die Population der Langschnäuzigen Seepferdchen in der Salzwasserlagune ist ein ebenso paradoxes wie bemerkenswertes Beispiel für die Symbiose von Müll und Artenschutz.
Wenn du das Glück hast, diese gut getarnten Seepferdchen zu entdecken, dann übernimm bitte sofort die Rolle des stillen Wächters! Das Habitat ist hochempfindlich gegenüber jeder Störung. Sei hier im Flachwasser noch vorsichtiger, als du es je in tieferen Gewässern warst. Vermeide jegliche Berührung und unterlasse das Aufwirbeln von Sediment. Die geringe Mobilität der Seepferdchen macht jede menschliche Störung zu einem ernsten Risiko für diese genetisch isolierte und vulnerable Population. Durch ein umsichtiges Verhalten erhöhst du unmittelbar die Überlebenschance einer einzigartigen Evolutionslinie.
Denke daran: Die Langschnäuzigen Seepferdchen vom Étang de Thau dürfen aufgrund ihrer Isolation keine genetische Hilfe von außen erwarten. Sinkt ihre Populationsgröße zu stark ab, droht ihr unwiderrufliches Aussterben. Der Erfolg ihres Schutzes liegt einzig in der lokalen Stabilisierung der Umwelt. Indem wir die wissenschaftliche Arbeit mit eigenen Fotos unterstützen und als Tauchgemeinschaft extreme Rücksicht nehmen, sichern wir die Existenz dieser ikonischen Meeresbewohner in Frankreich und tragen dazu bei, die Datenlücken für bedrohte Seenadelarten weltweit zu schließen.
Wir sehen uns im Étang de Thau!
XOXO
Sissi
[Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig aktualisiert und ergänzt. Quelle: Markus Edelberg und eigene Recherche. Fotos vom Langschnäuzigen Seepferdchen (Hippocampus guttulatus): Fotopogledi via Adobe Stock.]