Die Geschichte der Zimtschnecke
Ich erinnere mich nicht mehr an meine allererste Zimtschnecke. Nicht, wo und wann ich sie gegessen habe. Woran ich mich aber erinnere, ist dieser unvergleichliche Duft, der mich damals verzauberte. Kardamom, geschmolzene Butter und eine kräftige Prise Zimt hingen schwer in der Luft. Auch die lustige Form sprach mich an, habe ich doch schon als Kind Schnecken über alles geliebt. Dann biss ich hinein. Fluffiger Hefeteig traf auf karamellisierten Zucker. Die feine Schärfe des Zimts explodierte förmlich auf meiner Zunge. Sooo lecker! Die Schweden nennen dieses Wunderwerk Kanelbulle. Für mich wurde das Gebäck in diesem Moment zum absoluten Seelenfutter.
Heute genieße ich meine Zimtschnecke am liebsten mit einer Tasse frisch aufgebrühten Kaffee. Dampfend heiß und stark muss er sein, als Kontrast zum süßen Hefegebäck, das an den Fingern klebt, während der grobe Hagelzucker leise beim Kauen knuspert. Für mich ist dies die schönste Form der Kaffeepause, allen leckeren Weihnachtsplätzchen der Adventszeit zum Trotz.
Die Schweden nennen diese heilige Pause Fika. Du hältst die Zeit an. Schwelgst in Kindheitserinnerungen, träumst dich in die Welt von Astrid Lindgren. Genießt gute Gesellschaft oder einfach die Ruhe mitten im Alltagstrubel. Der Genuss einer Zimtschnecke ist wie ein tiefes Durchatmen. Sie ist der Schlüssel zu einem entspannteren Leben. Ein Seelentröster aus dem Ofen.
Kind des Friedens
Dabei blickt der zimtige Kringel auf eine bewegte Geschichte zurück. Er entstand erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die Rationierungen endeten und plötzlich füllten sich die schwedischen Vorratskammern wieder mit Butter, Zucker und dem kostbaren Gewürz aus Fernost. Anfangs blieben diese Zutaten Luxus, nur erschwinglich für gut betuchte Menschen. Erst in den Fünfzigern eroberte die Zimtschnecke die Haushalte der Schweden und wurde zum festen Bestandteil jeder Kaffeetafel.
Siegeszug der Zimtschnecke
Der Name Kanelbulle verrät das Geheimnis ihres Erfolges: Kanel bedeutet Zimt, bulle heißt Brötchen. Im Grunde genommen ist die Zimtschnecke nichts anderes als ein süßes Zimtbrötchen. Und doch so unendlich viel mehr … Von Skandinavien aus trat das Hefegebäck seinen Siegeszug an. Ob als »Schneckennudel« in Süddeutschland oder als klebrige Kalorienbombe aka »Cinnamon Roll« in Nordamerika – die Welt liebt das süße Ding. Der Klassiker genießt absoluten Kultstatus.
Die Liebe der Skandinavier zur Zimtschnecke geht tief. Sie widmen ihrem Gebäck sogar einen eigenen Feiertag. Am 4. Oktober steht das Land jedes Jahr ganz im Zeichen des Kanelbullens dag. Der schwedische Bäckerverband wählte das Datum 1999 mit Bedacht. Er wollte die Tradition des Heimbackens neu entfachen, dabei aber weder dem Waffeltag noch dem Tag der Köttbullar in die Quere kommen.
Der Plan ging auf: Allein am Tag der Zimtschnecke wandern in Schweden rund sieben Millionen Stück des Hefeteiggebäcks über die Ladentheken. Die unzähligen Bleche in privaten Öfen zählen wir da noch gar nicht mit. Bei etwa zehn Millionen Einwohnern ist das eine beeindruckende Zahl.
Schneckenvariationen
Längst trat die Zimtschnecke ihren Siegeszug um die Welt an. Von Mitteleuropa bis Nordamerika »schneckeln« Bäcker den Teig. Heute dominiert sie sogar unsere Bildschirme. In den sozialen Netzwerken explodiert die Kreativität. Auf Instagram und TikTok wetteifern Bäcker um die schönste Glasur. Hier leuchten Füllungen mit fruchtigen Beeren, dort Pistaziencreme im Dubai-Style. Manche Bäcker krönen das Werk sogar mit einer knusprigen Haube aus Bienenstich. Andere wiederum schwören auf rein vegane oder glutenfreie Varianten. Doch der Kern bleibt gleich: Ein weicher Hefeteig umarmt Zucker und Zimt. Das verbindet uns alle. Und für mich persönlich geht nichts über den zeitlosen Klassiker.
Rezepte für Zimtschnecken
- Zimtschnecken mit Glühwein-Topping
- Zimtschnecken mit Orangenglasur
- Zuckerfreie Zimtschnecken
- Kanelbullar
Sissis Resümee
Meine leckerste Zimtschnecke habe ich übrigens 2022 bei unserem »Wilde Weiber«-Paddelurlaub in Schweden genossen. In einem kleinen Café mit angeschlossenem Laden, dessen britische Inhaberin Deutsche nicht mochte. Wir sind trotzdem immer wieder hingegangen und haben sogar die einstündige Wanderung in Kauf genommen – so haben sich die süßen Teilchen wenigsten nicht auf unseren Hüften niedergelassen.
Leider kann ich für meine »Glücksschnecke« nicht mal eben so in die schwedischen Wälder reisen. Wobei mein Best Travel Girl Anna sicher sofort mit an Bord wäre. Und auch hier in der Schweiz habe ich noch keine Zimtschnecke entdeckt, die mit den schwedischen Originalen mithalten kann. Die Schweizer haben fantastische Backwerke, aber der Hefeteig ist mir hier oft zu dicht und fest, wenn nicht gar zu trocken. Kulturelle Unterschiede machen sich eben auch in der Küchenkultur bemerkbar.
Also bleibt mir nichts anderes übrig, als selbst zur Rührschüssel zu greifen, den geschmeidigen Teig zu kneten und mir das schwedische Lebensgefühl nach Hause zu holen. Du hast Appetit bekommen? Dann findest du oben ein paar Rezepte für die Zubereitung deiner perfekten Zimtschnecke.
Wir sehen uns am Backofen!
XOXO
Sissi
[Artikelbild: Marcos via Adobe Stock.]