Der Friedhof lebt!
Keine Angst! Wir sprechen einen Tag vor Allerseelen weder über zombieske Kreaturen noch über den Roman »Friedhof der Kuscheltiere« von Stephen King. Stattdessen reden wir über Friedhofstiere und beleuchten die lebendigen Seiten unserer letzten Ruhestätten.
Der Satz »Der Friedhof lebt!« mag auf den ersten Blick provozieren. Doch die Wahrheit ist: Unsere letzten Ruhestätten sind weit mehr als nur Orte der Erinnerung und des Gedenkens an Verstorbene. Sie sind auch wertvolle und schützenswerte Lebensräume, in denen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten naturbelassene Rückzugsorte finden. Diese heiligen Stätten dienen ihnen oft als wichtige Trittsteinbiotope, von denen aus sie neue Habitate erschließen können.
Für uns Menschen dienen Friedhöfe als Stätten, an denen wir unseren Verstorbenen nahe sein können. Neben dieser emotionalen Funktion offenbart sich bei näherem Hinsehen auch ihr ökologischer Wert. Dazu erklärt Carolina Trcka-Rojas, Expertin beim Naturschutzbund Österreich:
»Für die heimische Flora und Fauna bietet ein naturnah gestalteter Friedhof eine Fülle an attraktiven Lebensräumen. Wenn Friedhöfe richtig gepflegt werden, leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz.« Tatsächlich findet sich kaum anderswo auf so engem Raum eine derart üppige Vielfalt an alten Bäumen, Gebüschen, Wiesen, unbefestigten Wegen, Mauern und Steinen.
Prima fürs Klima
Gerade in urbanen Räumen tragen Friedhöfe mit ihren vielen, oft alten Bäumen nachweislich zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Sie wirken als essenzielle Puffer: Da ihre Böden größtenteils unversiegelt sind, können sie Wasser effektiv aufnehmen. Dieses aufgenommene Wasser geben die Bäume und Pflanzen kontinuierlich an die Luft ab, wodurch die Luftfeuchtigkeit steigt und die Umgebungstemperaturen spürbar sinken.
Hinzu kommt der immense Beitrag zur Luftqualität: Sträucher und Bäume binden sowohl Kohlendioxid als auch Staubpartikel. Allein ein einziger großer Laubbaum bindet täglich etwa zehn Kilogramm CO₂ und filtert jährlich 100 Kilogramm Staub aus bis zu 4.000 Kubikmeter gereinigter Luft pro Stunde. Damit liefern diese »grünen Riesen« jeden Tag 10.000 Liter Sauerstoff – eine beeindruckende Menge, die das Überleben von fünf bis zehn Menschen ermöglicht.

Naturnahe Gestaltung – gut für Pflanzen und Tiere
»Werden heimische Pflanzenarten bei der Gestaltung von Gräbern verwendet, profitieren Insekten und andere tierische Friedhofsbewohner, da sie sich von deren Nektar und Blütenstaub sowie deren Früchten ernähren«, sagt Trcka-Rojas. »Weiterer Vorteil von heimischen Pflanzenarten: Sie sind besser an unser Klima angepasst und brauchen so auch weniger Pflege.«
Die alten Baumbestände und Gehölze dienen als essenzieller Lebensraum für zahlreiche Vogelarten, die Friedhöfe ganzjährig besiedeln. Dazu zählen die Amsel, das Rotkehlchen, der Zaunkönig und viele Meisenarten. Aber auch andere gefiederte Gäste wie Spechte und der Gartenrotschwanz schätzen die Atmosphäre dieser oftmals als »mystisch« empfundenen Orte. Darüber hinaus sind Friedhöfe ein Zuhause für eine Reihe von Säugetieren, darunter der Igel, der Siebenschläfer, die Haselmaus und verschiedene Fledermausarten.
Friedhöfe bieten auch ein ideales Umfeld für Moose und Flechten. Diese finden auf schattigen bis sonnigen Mauern und Grabmälern aus vielen unterschiedlichen Gesteinen und Materialien günstige Lebensbedingungen. Parallel dazu verändert sich die Friedhofslandschaft: Aufgrund der Zunahme an Urnenbestattungen werden vermehrt sogenannte »Überhangflächen« frei. Diese ungenutzten Areale werden oft zur Anlage extensiver Wiesen genutzt und sind wertvolle Lebensräume für Insekten und andere Kleintiere.

Ein Herz für Friedhofstiere
Friedhöfe sind Orte des Lebens und der Artenvielfalt. Wer bei seinem nächsten Besuch einen tierischen Bewohner entdeckt, kann sich unkompliziert an dessen Erforschung und Schutz beteiligen. Der Naturschutzbund Österreich bittet darum, solche Beobachtungen per Foto über seine Citizen-Science-Plattform Naturbeobachtung.at oder die gleichnamige App zu teilen. So leistest du einen einfachen und direkten Beitrag zur Erforschung und zum Schutz unserer heimischen Friedhofstiere.

Sissis Resümee
Es ist doch eine herrlich makabre Vorstellung: Wir besuchen einen Friedhof, um unsere Lieben in bester Erinnerung zu behalten, und dann entdecken wir, dass der Ort voller sprühendem Leben steckt! Die Erkenntnis, dass unsere letzten Ruhestätten zugleich lebendige Zufluchtsorte für eine beeindruckende Zahl von Pflanzen und Tieren sind, ist nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch zutiefst tröstlich. Auf einmal bekommen Grabsteine einen neuen, erdverbundenen Sinn, nicht wahr?
Wenn du das nächste Mal zwischen den Gräbern stehst, betrachte sie bitte nicht nur als Symbole der Vergänglichkeit. Sieh sie als kleine Ökosysteme! Du stehst in einem Wohnzimmer für Igel, einem Klettergarten für Spechte und nicht zuletzt mitten in der Sauerstoffproduktion deiner Stadt. Der Tod schafft also Raum für das Leben und zwar ganz konkret in Form von CO₂-bindenden Bäumen und pflegeleichten, heimischen Pflanzen.
Ich finde, der Aufruf des österreichischen Naturschutzbundes, auf dem Friedhof entdeckte Tiere zu melden, ist eine wunderbare Idee. Mach doch mit! So wird dein nächster Friedhofsbesuch zu einer stillen, aber überraschend unterhaltsamen Naturbeobachtung. Du tust etwas für den Naturschutz und vielleicht entdeckst du ja sogar den Zaunkönig, der dir zur Begrüßung ein kleines Lied singt.
Wir sehen uns auf dem Friedhof!
XOXO
Sissi
[Quelle: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Morgensonne über dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf, dem größten Parkfriedhof der Welt, kuratiert von davidzzzfr via Adobe Stock.]