Da ist der Wurm drin!
Der Vorfrühling naht. Normalerweise die Zeit im Jahr, in der ich in den Startlöchern für die neue Gartensaison stehe. Bücher wälze und Saatgut sortiere. Heuer ist alles anders. Traurig grabe ich meine Hände tief in das kühle Hochbeet mit meinen fruchtigen Kräutern. Im letzten Jahr habe ich daraus Tee und Limonade bereitet. Und dieses Jahr? Ein glänzender, feuchter Körper windet sich durch meine Finger. Fast ist es, als wolle mich der riesige Wurm trösten. Am 15. Februar feiern wir den Tag des Regenwurms, einem unserer allerfleißigsten Helferlein. Er belüftet unseren Boden und düngt die Beete. Obendrein dient er vielen heimischen Arten als wichtiges Nahrungsmittel.
Regenwürmer faszinieren mich zutiefst, schon seit meiner Kindheit. Sie besitzen keine Augen. Stattdessen nehmen sie ihre dunkle Umwelt über Lichtreize, Erschütterungen und chemische Signale im Boden wahr. Eine feuchte Schleimhaut und feine Borsten ermöglichen ihnen die Fortbewegung und Verankerung im Erdreich. So passen sich diese glitschigen Freunde hervorragend an das Leben unter der Erde an. Spannend: Die Tiere bestehen aus vielen Segmenten und leben als Zwitterwesen. Sie vermehren sich durch gegenseitige Befruchtung. Ein auffälliger Gürtel zeigt ihre Geschlechtsreife.
Obwohl ich mich beim Graben mit dem Spaten immer sehr vorsehe, durchtrenne ich gelegentlich einen Wurm. Entstehen nun zwei lebende Tiere? Dieser verbreitete Mythos trügt. Ausschließlich das Vorderteil überlebt diese brutale Attacke. Das Hinterteil bewegt sich lediglich noch einige Minuten. Diese wilden Zuckungen lenken hungrige Fressfeinde vom flüchtenden Vorderteil ab. Ganz schön pfiffig von Mutter Natur!
Meisterliche Baumeister
Durch ihre unermüdliche Grabtätigkeit lockern Regenwürmer verdichtete Erde auf. Sie legen dabei äußerst feine, weit verzweigte Röhrensysteme an. Ein einziger Kubikmeter Boden enthält zusammengerechnet bis zu 1.100 Meter lange Gänge. Diese Röhren verbessern die Durchlüftung enorm. Die Erde speichert Wasser dadurch viel besser. Der Regen versickert leicht und dringt tief in den Boden ein. Das Röhrennetzwerk reduziert zudem schädliche Staunässe. Die Pflanzenwurzeln erhalten so leichteren Zugang zu Wasser und Nährstoffen.
Das sind nur ein paar der Gründe, warum ich Regenwürmer aufsammle und in die Beete und Pflanzkübel setze, wann immer sie sich auf die Terrasse verirren. Und natürlich möchte ich auch nicht, dass sie in den heißen Monaten in der Sonne verdorren.
Düngerfabrik im Verborgenen
Regenwürmer verzehren welkes, abgestorbenes Pflanzenmaterial. Sie scheiden diese Reste als wertvollen Wurmhumus wieder aus. Dieser besonders nährstoffreiche Dünger erhöht langfristig die Bodenfruchtbarkeit. Die Tiere fressen auch eine Vielzahl an winzigen Mikroorganismen. Sie dezimieren so gefährliche Krankheitserreger im Beet. Aktive Wurmpopulationen machen die Böden weitaus gesünder. Die Erde trotzt Trockenheit, Erosion und starken Nährstoffverlusten viel widerstandsfähiger als »wurmlose« Böden.
Welcher Wurm bohrt wie?
Unsere heimischen Regenwurmarten (Lumbricidae) unterscheiden sich in Größe und Färbung oft sehr deutlich. Ihre exakte Bestimmung ist dennoch meist bloß unter einem Mikroskop möglich. Und das muss ja nicht sein, oder? Einfacher ist die Unterteilung in drei allgemeine ökologische Gruppen:
Ein kleiner und dunkel pigmentierter Wurm lebt höchstwahrscheinlich als »Streubewohner«. Sein etwas größerer und blasserer Artgenosse gräbt aller Voraussicht nach als »Horizontalbohrer«. Und ein sehr großes und besonders kräftiges Exemplar wie das in meinem Hochbeet arbeitet ziemlich sicher als »Vertikalbohrer«.
Nur ein gesunder Boden ist ein guter Boden
Die Bodengesundheit hängt stark von der Art der Nutzung am Standort ab. Eine extensiv genutzte Weide beheimatet über das Fünffache mehr an Regenwürmern als ein intensiv genutzter Acker. Der Sand- und Lehmanteil sowie der pH-Wert des Bodens beeinflussen ebenfalls die Stärke der Population.
Auch die Menge an Mikroplastik in der Erde spielt eine ausschlaggebende Rolle. Leider nehmen die Würmer diese Plastikteilchen leicht auf. Das stört ihre Nahrungsaufnahme, denn das Plastik schädigt ihren Verdauungstrakt. Zudem verändert das Mikroplastik das Mikrobiom im Boden.
Du siehst: Regenwurmdichte und Bodengesundheit bedingen einander. Ein weiterer Grund, Mikroplastik aus unser aller Leben zu verbannen und ökologisch zu gärtnern!
Sissis Resümee
Regenwürmer erweisen sich in unseren Hausgärten als absolut unverzichtbar. Sie verbessern die Struktur der Erde und steigern die Fruchtbarkeit deiner Beete. Pflanzen wachsen dank ihrer Hilfe deutlich gesünder. Ein naturnah gestalteter Garten garantiert dir verlässlich eine gute Bodenqualität. Du nutzt dafür idealerweise eine vielfältige Bepflanzung mit heimischen Wildblumen und belässt organisches Material an der Oberfläche. Lass Pflanzenreste, Laub und Totholz einfach liegen. Greife so wenig wie möglich in die natürlichen Abläufe ein.
Verzichte strikt auf chemisch-synthetische Dünger und giftige Pestizide. Grabe den Boden niemals unnötig um. Das Laub dient deinen fleißigen Begleitern als schützender Mulch. Sorge immer für ausreichend Feuchtigkeit im Beet. Gründüngung und eigener Kompost schaffen ideale Lebensbedingungen für die Würmer. Lege verschiedene Habitate in deiner grünen Oase an. Die verschiedenen Wurmarten zeigen unterschiedliche Vorlieben für bestimmte Böden. Gestalte eine feuchte Wiese und einen etwas trockeneren Bereich, wenn das Gelände groß genug ist. Diese Vielfalt steigert die Pflegeleichtigkeit deines Gartens enorm.
Und schnapp dir bei der nächsten Gartenarbeit deine Kamera! Der österreichische Naturschutzbund ruft dich dazu auf, Regenwürmer genau zu beobachten. Teile deine Funde über ein Foto direkt auf der Citizen-Science-Plattform Naturbeobachtung.at oder der dazugehörigen mobilen App. Schaffe kleine Rückzugsorte. Lade diese unsichtbaren Helfer in dein Leben ein. Dein Garten dankt es dir mit blühender Kraft.
XOXO
Sissi
[Quelle: Naturschutzbund und eigene Recherche. Artikelbild: Regenwürmer in gesundem Mutterboden beim Umgraben nach der Gemüseernte. Der sorgfältig kompostierte Boden ist frei von Nitraten und ideal für den biologischen Anbau von Obst und Gemüse. Foto kuratiert von Vizualni via Adobe Stock.]