Nur der Biber kann Flüsse so fundamental beeinflussen wie der Mensch – was wir zu unserem Vorteil nutzen können und sollten.

Biber – Klimaretter auf vier Pfoten

Anlässlich der geplanten Abschussfreigaben für Biber (Castor fiber) durch die Salzburger Landesregierung fordert der Naturschutzbund Österreich eine nationale Biberstrategie, die sich die vielen Leistungen des geschützten Ökosystemingenieurs zunutze macht und ein zeitgemäßes Konfliktmanagement für ein konstruktives Zusammenleben entwickelt.

Biber sind Ökosystemingenieure

Mit ihren Aktivitäten wie Dämme bauen, Nagen und Graben gestalten Biber auf einzigartige Weise die von ihnen besiedelten Gewässer. Sofern der Mensch sie lässt, schaffen sie dadurch am und im Gewässer unterschiedlichste Lebensraumbedingungen, die vielen anderen Tier- und Pflanzenarten zugutekommen.

Wasserlebensräume werden vielgestaltiger und dynamischer, »alte« Feuchtgebiete werden reaktiviert und neue geschaffen und eine Vielzahl von kleinen Lebensräumen, sogenannten Mikrohabitaten, entstehen. Das durch den Biber als größtes Nagetier Europas entstehende Totholz im Gewässer dient Jungfischen als Schutz und die vom Biber errichteten Dämme erhöhen die Wasserverfügbarkeit.

Neben den Fischen profitieren auch viele weitere Tierarten wie der Fischotter, der Schwarzstorch und zahlreiche Amphibien- und Libellenarten von den Tätigkeiten des Bibers. Das alles macht den Biber zu einer sogenannten Schlüsselart im Naturschutz, das heißt, er hat einen überaus großen Einfluss auf seine Lebensgemeinschaft und kann durch keine andere Art ersetzt werden. Zudem können Auswirkungen der Klimakrise wie Dürren oder Spitzenhochwässer durch die vom Biber verursachte Grundwasseranreicherung, vergrößerte Wasseroberfläche und verzögerte Wasserabgabe gemildert werden.

Kurz: Biber erbringen durch ihre Aktivitäten »Leistungen« – und zwar gratis –, die wir in Zeiten des Klimanotstandes und des Artenverlustes mehr denn je gebrauchen können.

Die Begegnung mit dem rund einen Meter großen Biber ist beeindruckend.
Die Begegnung mit dem rund einen Meter großen Biber ist beeindruckend.

Mensch & Biber

Durch die intensive Landnutzung von uns Menschen in unmittelbarer Gewässernähe besteht ein hohes Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Biber. Viele Feuchtgebiete wurden trockengelegt, Gewässer wurden begradigt und fest verbaut. Oft fehlt ein typischer, begleitender Gehölzsaum.

Äcker und andere landwirtschaftlich genutzte Flächen grenzen unmittelbar an Gewässer und oft verlaufen Wege entlang von Gewässern, unter denen nicht selten Kanal-, Wasser- oder Gasleitungen verlegt werden. Staut der Biber in diesen Bereichen Bäche auf oder gräbt er seine Röhren ins Ufer, kann es zu Konflikten mit der menschlichen Landnutzung kommen.

Dort, wo der Mensch die Gewässer und deren Umland weitgehend naturverträglich nutzt, kommt es dagegen kaum zu Problemen mit dem Biber. Dieser nutzt nur einen sehr schmalen Streifen entlang von Gewässern: Der Großteil der Biberaktivitäten findet in einem Bereich von zehn Metern links und rechts des Gewässers statt. In dieser Zone treten auch 90 Prozent aller Biberkonflikte auf.

Fühlt sich jemand von diesem maximal 30 Kilo schweren Pflanzenfresser bedroht?
Fühlt sich jemand von diesem maximal 30 Kilo schweren Pflanzenfresser bedroht?

Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben

Biber sind nach der Berner Konvention und durch die FFH-Richtlinie nach EU-Recht geschützt. Darum steht der tierische Baumeister auch in Österreich unter strengem Schutz. Der Naturschutzbund Österreich plädiert daher für eine »Nationale Biberstrategie«, die das friedliche Zusammenleben mit dem großen Nager sicherstellt und vor allem das große Potential des Baumeisters für Natur- und Klimaschutz durch geeignete Maßnahmen zu nutzen versteht.

Eine zwischen den österreichischen Bundesländern unter Einbeziehung aller Interessengruppen erarbeitete Strategie könnte durch das Landwirtschaftsministerium koordiniert werden und ein länderübergreifend abgestimmtes Management herbeiführen, das bis heute fehlt.

»Damit der Biber seine positiven Effekte entfalten kann, braucht er mehr Raum – ebenso wie die Natur insgesamt. Die nachhaltigste und billigste Lösung im Bibermanagement ist daher die Schaffung von natürlichen Uferstreifen, wodurch Konflikten präventiv begegnet wird und sich das ökologische Potential der Biberlebensräume entwickeln kann. Gleichzeitig sollten bereits erfolgreich erprobte Methoden zur Konfliktminderung dort zur Anwendung kommen, wo natürliche Uferstreifen aufgrund zum Beispiel von Verbauungen nicht mehr möglich sind. Ein Management, das sich hauptsächlich oder ausschließlich auf die Entnahme von Bibern stützt, ist dafür keine geeignete Lösung«, sagt Naturschutzbund-Experte Lucas Ende.

In Bereichen, in denen keine andere Lösung gefunden wird, spricht sich der Naturschutzbund Österreich für den Lebendfang von Bibern aus, welche per Bescheid zu erlassen sind.

»Es gibt in der EU mehrere Länder, welche die Vorteile des Ökoingenieurs zu schätzen wissen und zur natürlichen Renaturierung degradierter und zunehmend ausgetrockneter Landschaften auf Biberauswilderungen setzen«, so Ende.

Umsiedelungen sollten aber die Ausnahme bleiben, denn der Biber gehört zu unserer Landschaft und als Überlebenskünstler wird er auch in unserer Landschaft bleiben. Daraus gilt es das Beste zu machen.

An natürlichen Gewässerrändern findet der Biber ausreichend Nahrung.
An natürlichen Gewässerrändern findet der Biber ausreichend Nahrung.

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Tiere beobachten mit dem Wildtierguide
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ISBN-10: 3440181790
ISBN-13: 978-3-440-18179-9
Preis: EUR 25,00 [D] | EUR 25,70 [AT] | CHF 37,90 [CH]

Sissis Resümee

In einer Zeit, in der wir uns eigentlich um den Schutz unserer Wildtiere bemühen sollten, kommt die Nachricht aus Salzburg wie ein Schlag ins Gesicht: Der Biber, dieser fleißige Landschaftsgestalter, soll zum Abschuss freigegeben werden. Es ist ein absurdes Déjà-vu, das uns immer wieder heimsucht. Ob es Wölfe in Graubünden sind, die angeblich zur Gefahr für Menschen und die Viehwirtschaft werden, oder Krähen und Kormorane, die als lästige Ruhestörer oder gar Konkurrenz der Fischer betrachtet werden – die Liste der Tiere, die weichen müssen, weil sie uns »stören«, wird gefühlt täglich länger.

Wann hören wir auf, die Natur als ein persönliches Hindernis zu sehen? Es ist eine beängstigende Logik: Wir Menschen verändern radikal die Landschaft und erwarten dann von den Wildtieren, dass sie sich brav an unsere Spielregeln halten. Und wenn sie es nicht tun? Dann werden sie als »Problem« abgestempelt und kurzerhand eliminiert. Es ist dieser kurzsichtige Aktionismus, der mich sprachlos macht.

Es ist an der Zeit, dass wir uns von dieser Überheblichkeit lösen und unsere Verantwortung anerkennen. Diese Tiere sind nicht unsere Gegner, sondern ein integraler Bestandteil eines Ökosystems, das wir selbst aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Es ist unsere Pflicht, uns für ihren Erhalt einzusetzen. Es geht nicht darum, die Natur zu beherrschen, sondern mit ihr in Einklang zu leben.

Beispiel Würm: In München haben wir fußläufig zur Würm gelebt. Ein 39,5 Kilometer langer Fluss in Bayern und der einzige Abfluss des Starnberger Sees. Ein wunderbares Gewässer, das renaturiert wurde und zahlreichen selten gewordenen Fischarten ein Zuhause bietet, darunter Aitel, Schleie und der in seinem Bestand bedrohte Schneider. Doch damit nicht genug! Barben, Aale, Hechte, Welse und Forellen tummeln sich ebenfalls in den sauberen Fluten. Angesicht dieser gesunden Flora und Fauna verwundert es wenig, dass sich auch wieder Biber an der Würm angesiedelt haben, insbesondere in Pasing, Stockdorf, Gauting und Starnberg kannst du sie häufig beobachten. Und schafft das Probleme? Nein, im Gegenteil!

Vor allem Kinder, aber auch Erwachsene sind begeistert, wenn sie das selten gewordene größte Nagetier Europas im Wasser oder am Ufer entdecken. Bedroht fühlt sich niemand, auch wenn ab und zu mal ein Bäumchen angenagt umfällt.

Wir sehen uns am draußen!

XOXO

Sissi

[Produktempfehlungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Alle Preisangaben ohne Gewähr. Produktverfügbarkeiten und Preise können im DACH-Raum variieren. Quelle: Naturschutzbund, KOSMOS Verlag, und eigene Recherche. Artikelbild: Nur der Biber kann Flüsse so fundamental beeinflussen wie der Mensch – was wir zu unserem Vorteil nutzen können und sollten. Alle Fotos kuratiert von Leopold Kanzler.]