50 Hours Underwater
Der 8. September 2025 war ein besonderer Tag für die Tauchszene in der Schweiz. Denn an diesem Abend verwandelte sich das »Urban Surf« im pulsierenden Gerold-Areal im Zürcher Kreis 5 in ein Open-Air-Kino für die Schweizer Filmpremiere des preisgekrönten Dokumentarfilms »50 Hours Underwater« – und ich war mittendrin. Bei frischem Popcorn und kühlen Drinks durfte ich in die Tiefen der Malediven eintauchen und hautnah an einem Abenteuer teilhaben, das mich zutiefst beeindruckt hat.
Der Film erzählt die Geschichte des maledivischen Tech-Divers und Tauchlehrers Shafraz »Shaff« Naeem, der sich im Februar 2022 einer schier unglaublichen Herausforderung stellte: ein 50-stündiger Tauchgang, mit dem er auf das Problem der Plastikverschmutzung in den Weltmeeren aufmerksam machen und zugleich 50 Jahre Tauchtourismus auf den Malediven feiern wollte. Die Kamera begleitet Shaff und sein Team von den ersten Vorbereitungen bis zu seinem triumphalen Abschluss des Tauchgangs.
50 Stunden. Sechs Meter.
Ein Tauchgang für die Hoffnung
Die Erzählung beginnt mit einem Rückblick auf die Ursprünge des Projekts. Shaff, ein professioneller Militär- und Berufstaucher mit damals über 25 Jahren Taucherfahrung, hatte die Idee, 50 Stunden am Stück unter Wasser zu verbringen – selbst in »nur« sechs Metern Tiefe ein potenziell gefährliches Unterfangen, das ihn physisch und mental an seine Grenzen bringen würde. Von Anfang an war klar, dass sich dieses »Ocean 650« getaufte Projekt nicht ohne die Unterstützung seiner Familie und Freunde realisieren lassen würde.
Doch wie es zuweilen bei Menschen mit einer Vision ist, gibt es Menschen, die diese Vision teilen. Und so bekam Shaff nicht nur Unterstützung von seiner Frau und seinem eigenen Team technischer Taucher, sondern auch von seinem langjährigen Freund Ben Reymenants. Ben, ein Veteran der thailändischen Höhlenrettung, war als wichtiger Support-Taucher mit an Bord. Für den Tauchgang wurde ein offenes Kreislaufsystem mit Nitrox-Atemgas und 31% Sauerstoff verwendet. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme erhielt Shaff nach dem Auftauchen 30 Minuten lang 100% Sauerstoff. Wenn ich mich richtig an die Inhalte meines «SSI Enriched Air Nitrox Specialty»-Kurses erinnere und ausserdem noch mein Sanitätswissen zusammenkrame, klingt das nach einer ausgesprochen klugen Entscheidung.

Pipi unter Wasser …
Ruhm kann anstrengend sein
Hast du dich jemals darüber gewundert, dass die Helden in Büchern oder Filmen so gut wie nie aufs WC gehen müssen? Tja, im echten Leben ist das leider anders. Das war auch Shaff nur allzu bewusst. Während wohl jeder von uns schon mal heimlich in seinen Nasstauchanzug oder Halbtrocki gepullert hat, stand Shaff diese Option nicht zur Verfügung. Denn trotz kuscheliger 29 °C Wassertemperatur auf den Malediven bestand das Risiko einer Unterkühlung (Hypothermie), weshalb sich Shaff für einen Trockentauchanzug entschied.
Natürlich warf dies die Frage auf, wie er seine Notdurft verrichten sollte. Die Lösung war ebenso einfach wie genial, wenn auch nicht unbedingt angenehm: eine strenge Flüssigdiät 36 Stunden vor und während des Tauchgangs sowie ein Urinventil am Anzug lösten dieses Problem.
Als seien solche organisatorischen und technischen Fragen noch nicht genug, stand Shaff kurz vor dem Start auch noch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Sponsoren und lokalen Medien. Gefühlt wollte jeder mit ihm sprechen – und wer will es den Menschen verdenken? Doch diese Aufmerksamkeit verkürzte die Zeit für allfällige medizinische Untersuchungen und die Organisation seiner Ausrüstung – und setzte nicht zuletzt das ganze Team unter Strom.

Ab ins Wasser!
Als Shaff schließlich ins Wasser sprang, schien zunächst alles schiefzugehen: Er war falsch tariert, seine Vollgesichtsmaske lief voll Wasser und sein Gurtzeug war verdreht. Für sich genommen scheint keines dieser Probleme dramatisch, doch zusammen bildeten sie eine gefährliche Mischung. Glücklicherweise konnte Ben zusammen mit Psychologin und Sicherheitstaucherin Riikka Haakana schnell Abhilfe schaffen und Shaff beruhigen. Eines von vielen Beispielen, wie wichtig die Unterstützung der gesamten Crew war.
Das galt nicht nur unter Wasser, sondern auch über dem Meeresspiegel: Ein Liveaboard und zwei traditionelle maledivische Dhonis unterstützten Shaff von der Oberfläche aus. Eine Gruppe von Tauchlehrern war ebenfalls vor Ort, um die zahlreichen Besucher Shaffs beim Sprung in die Fluten zu betreuen, darunter Regierungs- und UN-Vertreter, die zum Teil noch nie zuvor getaucht waren!
An dieser Stelle habe ich am Verstand der Menschheit gezweifelt: Besuche von Freunden, um mit Shaff eine Runde Unterwasserschach zu spielen? Gerne doch! Aber was hat die «Offiziellen» angetrieben, Shaff in sechs Meter Tiefe zu einem Kaffeekränzchen ohne Kaffee aufzusuchen? Der Wunsch nach medienwirksamen Fotos? Die Lust auf ein kleines Abenteuer? Oder schlicht die Sehnsucht, einmal im Leben bei etwas Großem dabei zu sein? Ich weiß es nicht.

Emotionales Auf und Ab
Neben entspannten Schachrunden mit Freunden gab es auch emotionale Tiefpunkte. Tagsüber war Shaff hinreichend beschäftigt: Er musste seine Ausrüstung in Schuss halten, hatte Besucher und ab und zu kam auch eines der vielen Meerestiere vorbei, sodass es für ihn immer etwas zu tun und zu schauen gab. Doch nachts dürften ihn Dunkelheit, Einsamkeit und Langeweile gequält haben. Shaff beschrieb die erste Nacht dann auch als den schwierigsten Moment des Tauchgangs:
»Ich habe wirklich gekämpft. Schlafen war ein großes Problem, und manchmal wollte ich den Tauchgang einfach abbrechen. Aber dann habe ich an die ganze Planung und meine Support-Crew gedacht. Das hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen.«
Um Shaff aufzuheitern und ihm Kraft zu schenken, veranstaltete die Taucher-Crew in der zweiten Nacht spontan eine Party unter Wasser – mit lustig improvisierten Kostümen und Taucherlampen wurde getanzt, was die Flaschen hergaben! Die «Sweet Sixteen Party» von Arielle, der Meerjungfrau, muss nichts dagegen gewesen sein … Shaffs fröhliches Lachen, das über die Kommunikationsanlage seiner Maske zu hören war, war für das Team an der Oberfläche ein Zeichen, dass er es schaffen würde.
Gegen Ende des Tauchgangs gab es einen weiteren Rückschlag: Shaffs Trockentauchanzug hatte ein Leck! Nach rund 40 Stunden unter Wasser begann er rasend schnell auszukühlen, doch ein Wechsel des Anzugs wäre riskant gewesen. Es wurde deshalb entschieden, den Austausch nur dann vorzunehmen, wenn seine Körpertemperatur gefährlich fallen würde. Zum Glück konnte Shaff die verbleibende Zeit im nassen Anzug überstehen.
Der Film endet mit dem packenden Finale, bei dem Shaff nach 50 Stunden wieder an die Oberfläche stieg. An seiner Seite: Dutzende seiner Supporter. Da blieb kein Auge trocken – es war ein bewegender Moment. Wegen potenzieller Blutdruckprobleme wurde er horizontal aus dem Wasser gehoben und von der Küstenwache medizinisch untersucht und mit Sauerstoff versorgt. Nach einer nervösen Wartezeit von 30 Minuten trat Shaff hinter einem Handtuch hervor und wurde von donnerndem Applaus empfangen.

Hintergründe und Zweck des Projekts
Shaffs »Ocean 650«-Projekt hatte zwei Hauptziele: zum einen, 50 Jahre Tauchtourismus auf den Malediven zu feiern, und zum anderen, auf das globale Problem von Einwegplastik aufmerksam zu machen. Der Name »Ocean 650« leitet sich von dem Plan ab, 50 Stunden in sechs Metern Tiefe zu verbringen.
Die Malediven sind als Nation, deren Haupteinnahmequelle der Tourismus ist, besonders anfällig für Umweltschäden. Stichwort: Übertourismus (Overtourism). Der Film »50 Hours Underwater« zeigt, dass die Hartkorallen in den Riff-Tops in den letzten drei Jahrzehnten massiv unter Umweltzerstörung gelitten haben. Gleichzeitig sind die Malediven neben dem Roten Meer das beliebteste Reiseziel für Taucher geworden, insbesondere während der Covid-Pandemie. Shaffs Aktion sollte daher nicht nur die Schönheit der Unterwasserwelt zeigen, sondern vor allem auch auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, diese zu schützen.
Shaffs Mission war und ist es, seine Bekanntheit zu nutzen, um auf diese drängenden Probleme hinzuweisen und eine Veränderung im Umgang mit unserer Umwelt zu bewirken. Er hat sämtliche Herausforderungen und Risiken auf sich genommen, um die Welt aufzurütteln und zu zeigen, dass jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann. Also auch du und ich.
Doch der Erfolg von »Ocean 650« ist nur der Anfang! Shaff und sein Team planen für das Frühjahr 2026 bereits das nächste ambitionierte Projekt: »Across Maldives«. Dieses Vorhaben wird noch größer und anspruchsvoller. Shaffs Vision ist es, die Malediven in ihrer gesamten Länge und Breite zu durchqueren, um die einzigartige Schönheit und die ökologische Vielfalt der Atolle zu dokumentieren und das Bewusstsein für den Meeresschutz zu schärfen. Wir alle dürfen gespannt sein, welche atemberaubenden Bilder und inspirierenden Geschichten, aber auch meeresbiologischen Erkenntnisse uns dieses Projekt bescheren wird.

Über Shaff Naeem
Shaff ist nicht nur der Held des Dokumentarfilms »50 Hours Underwater«, sondern auch eine wahre Ikone in der Tauchszene der Malediven. Er ist Militär- und Berufstaucher mit inzwischen 27 Jahren Erfahrung und besitzt Tauchzertifizierungen von TDI/SDI, PADI und SSI. Während seiner Karriere hat er sich einen Ruf für seine physische und mentale Stärke erarbeitet, die ihm auch bei seinem 50-stündigen Tauchgang zugutekam. Shaff ist ein Mensch, der mit Leidenschaft und Entschlossenheit für das eintritt, woran er glaubt. Und er besitzt ein äußerst ansteckendes Lachen, das jeden sofort für ihn einnimmt.
Seine Geschichte zeigt, dass es nicht nur um Rekorde geht, sondern um eine tiefere Botschaft. Er nutzt seine Fähigkeiten und seine Berühmtheit, um ein Bewusstsein für die drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit zu schaffen. Nachdem er den Tauchgang erfolgreich abgeschlossen hat, nutzt Shaff seine neugewonnene Popularität, um unsere Wegwerfgesellschaft wachzurütteln und vor Einwegplastik zu warnen. Sein Handeln ist ein inspirierendes Beispiel dafür, wie ein Einzelner eine Bewegung in Gang setzen kann, die weit über die eigenen Grenzen hinausreicht.
Wenn du Shaffs Reise weiterverfolgen und seine Mission unterstützen möchtest, kannst du ihm auf den sozialen Medien folgen oder dich über zukünftige Projekte informieren.
Nützliche Links
Impressionen von der Filmpremiere





Sissis Resümee
Die atemberaubenden Bilder des Films haben sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Szenen von Shaff, umgeben von schimmernden Fischschwärmen, farbenprächtigen Korallen und majestätischen Meerestieren wechselten sich ab mit der unheimlichen Stille der Tiefe, die einen einsamen, aber entschlossenen Mann in der Nacht auf seinem Unterwasserbett umfing, und spannenden Interviews mit dem Team. Diese Eindrücke sind so lebendig, dass ich am liebsten selbst meine Ausrüstung packen und Teil dieser grandiosen Crew werden möchte. Und wäre ich ein bisschen jünger, würde ich das vielleicht sogar tun.
Doch der Film »50 Hours Underwater« ist nicht nur ein visuell beeindruckendes Werk, sondern auch eine wichtige Erinnerung daran, dass wir die Schönheit unserer Ozeane nur dann erhalten können, wenn wir uns aktiv für ihren Schutz einsetzen. Er hat mein Herz berührt und meinen Verstand gekitzelt. Denn Shaffs Geschichte ist ein Aufruf zum Handeln, eine Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen und Verantwortung zu übernehmen. Es ist eine Geschichte, die du nicht vergessen wirst.
Wir sehen uns unter Wasser!
XOXO
Sissi
[Quelle: Across Maldives und eigene Recherche. Fotos vom Projekt »Ocean 650«: Bitho und Saeed Rashid. Fotos von der Filmpremiere: Rahel Roth.]